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Die Kleine Philosophie-Ecke bei der Blinden Kuh
Was ist "Weisheit"? Was ist "Wahrheit"? Was ist "Wirklichkeit"? Was ist "Wissen"?
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Einleitung 0

Johann Wolfgang Goethe "Faust" - Der Tragödie erster Teil

FAUST:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum -
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
 

Es klingt mächtig groß, das Thema: "Philosophie", so groß, dass selbst Erwachsene nicht so ganz wissen, was das eigentlich sein soll. Das hat auch seine Gründe wie wir sehen werden.

Philosophie sei so schwer, weil die Bücher immer so dick sind, hat mal jemand gesagt. Das stimmt, man muss lesen, sonst weiß man nicht, was die Philosophen geschrieben haben, wenn es denn sie waren, die es aufschrieben und nicht etwa ihre Schüler. So weiß man, dass Sokrates gar nicht schreiben konnte. Nicht nur das, er verachtete die Schrift und die Bücher, ja er verbot seinen Schülern sogar, seine Worte auf zu schreiben. Aber die hielten sich nicht dran. Sie wollten es aufschreiben, denn, "Er hat es gesagt ...", er Sokrates, und das musste doch der Menschheit erhalten bleiben. In Büchern transportierte man all diese Gedanken durch die Zeit und durch den Raum.

Da aber die Bücher später auch noch wieder immer neu abgeschrieben wurden, Buchdruck war ja noch gar nicht erfunden, kamen lauter kleine "Modernisierungen" hinzu. So, dass man kaum noch weiß, was die Philosophen wirklich damals wie gedacht haben. Vielleicht war der Weg über die Bücher, wie Sokrates vermutete, doch nicht so der richtige Weg. Die Gedanken können verloren gehen, mahnte er, wenn man nicht selbst darüber nachdenkt. Also, Bücher allein sind schon einmal keine Philosophie.

Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer Schwester am Ufer und hatte nichts zu tun. Das Buch, das ihre Schwester las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin. "Und was nützen Bücher," dachte Alice, "ohne Bilder und Gespräche?"

Ja, genau so fängt ein berühmtes Buch an, nämlich das Buch von Lewis Carroll, "Alice's Abenteuer im Wunderland". Ein eigenartiges Kinderbuch aus dem Jahr 1864. Es ist ein Buch eines Dozenten an der Universität Oxford für Mathematik und Logik. Dieses Buch schätzen selbst Philosophen. Vielleicht wegen der "Bilder" da drin? Mehr aber noch, weil es ist ein Buch ist, in dem Tausende von Jahren Philosophie stecken.

Also dann. Legen wir dieses Buch wieder beiseite. Und lassen wir einmal all diese Bücher da liegen, wo sie jetzt liegen - die laufen ja eh nicht weg - und schauen einfach einmal so hinein in die Philosophie. Wer nun erwartet, dass ich eben mal die Welt in schönen, schnellen Worten erkläre, wird enttäuscht sein, denn darum geht es schon mal nicht. Mal sehen, ob ich das hier so hinbekomme, dass man es zwar immer noch nicht weiß, zugegeben, aber wenigstens schon einmal ahnt, worum es geht.

"Philosophie ist verwirrend, nimmt alles was man zu wissen glaubte." Sagen einige. Und grübeln wir denn nicht genau dann, wenn wir glauben, dass die ganze Welt durch einander geraten ist? Warum genau dann? Warum nicht bei schönen Sonnenschein?

 
Was ist Philosophie? Wo fängt man da nur an? 1
Das Wort Philosophie kommt aus dem Griechischen, "Philos" soll heißen "Liebhaber" oder auch einfach nur "Freund". Und "Sophia" ist kein hübsches Mädchen, sondern heißt auf Deutsch "Weisheit". Zusammen macht das "Liebe zur Weisheit". Es ist keine Wissenschaft, denn dann würde das griechische Wort "Nomie" drinstecken. Aber Sophinomie oder gar Sophonomie klingt ja auch etwas ungewöhnlich. Sagen wir hier einfach, es würde auch ziemlich blöd klingen.

Was sagt denn unser Sokrates (ca. 470 - 399 vor Chr.) dazu: 

"Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Geht ja schon gut los. Warum sagt ausgerechnet Sokrates so etwas? Er, der große Vater der Philosophie - Wenn er es nicht weiß, wer dann?

Es geht ja um den Menschen. Nun denn, der Mensch wurde offenbar als Unwissender auf die Welt geworfen, oder, wem das besser gefällt, er wurde dumm geboren. Damit er nun nicht auch noch dumm sterben muss, tut er alles, um sein Unwissen loszuwerden.

Nein, das ist sicher nicht der einzige Grund. Denn noch weiß der Mensch ja gar nicht, ob er überhaupt sterben wird oder nicht. Er lebt lustig vor sich hin in den Tag hinein, bis er eines Tages einfach umkippt. Er ist ein Tier, neugierig, verspielt, er will den Dingen auf den Grund gehen. Ist es das? Wenn, dann ist er aber kein dummes Tier, er merkt sich, wann, wo und wie es bestimmte Gefahren gibt. Er meidet Gefahren, denn er ist ein Angsthase. Vielleicht jetzt da: Das Leben und der Tod? Ist das Philosophieren, wenn man darüber nachdenkt, etwa wenn man anfängt, die Toten zu betrauern? Oder vielleicht dann, wenn man sich fragt, was der Sinn des Lebens sein könnte, also wozu eigentlich leben wir?

Er, der Mensch, doch warum er? Warum ist er nicht wie die Tiere? Etwas unterscheidet ihn von den Tieren. Doch was nur? Der Mensch weiß, dass er nichts weiß. Das will uns Sokrates noch lehren. Oder sagen wir mal, er weiß einfach nicht genug. den Tieren scheint es egal zu sein, dem Menschen irgendwie nicht. Denn der Mensch kann planen, organisieren, und das will er möglichst so machen, dass er nicht allzu viel Verluste hat und nicht allzu viele Fehler macht, um eben nicht in allzu viele Gefahren zu tapsen. Am Ende zu bemerken, dass man einen Fehler gemacht hat, weil man es nicht wusste, das soll sich nicht wiederholen. Er will ein Gewinner sein im Leben. Ha, nichts dergleichen, er hat einfach nur Schiss zu verlieren, deshalb die ganze Anstrengung. Er, der Mensch, oder die MenschIn, hat einfach nur Angst, im Leben zu verlieren und zu versagen. Er hat ja auch allen grund dazu, denn in Urzeiten war er immer der Schwächere in der Natur. Er hat Angst im Dunklen. Er wird lernen, wie man Feuer macht, denn er lernt auch, dass die Tiere vor denen er Angst hat, wiederum Angst vor Feuer haben. Am Anfang war das Feuer. Deshalb will er alles wissen, um allen Gefahren im Leben aus dem Wege gehen zu können. Er will keine Fehler machen, weil er kann sich die nun einmal nicht leisten in der wilden Natur. Darum glaubt er, soll er, wenn er noch klein ist, lernen, eben "für das Leben lernen". Hm. Sagt man. Aber er wird auch noch lernen müssen, wenn er erst einmal groß ist. Er wird sein ganzes Leben lang lernen.

Na schön. Es erklärt aber leider irgendwie nicht, warum er unbedingt philosophieren muss, sondern nur, dass er gern alles wissen will, dieser Mensch.

 
Was weiß der Mensch und was nicht? 2

Man kann sagen, dass ein Großteil der Philosophie sich damit beschäftigt, herauszufinden, ob die Dinge so sind, wie sie sind, oder auch nicht.

So sagte einst ein griechischer Gelehrter, Protagoras (490 v.Chr - 420 v.Chr):

"Der Mensch ist das Maß aller Dinge" - Na toll! Das aber ist nicht das ganze Zitat, das noch dazu irrtümlicherweise Sokrates zugeschrieben wurde, sondern: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge, wie sie sind, d.h. wie sie ihm erscheinen, und wie sie nicht sind, d.h. wie sie ihm nicht erscheinen".

Und das macht unseren kleinen Menschen hier so verdammt einsam. Er weiß es einfach nicht, er nimmt nur an, dass etwas so ist, oder so, oder irgendwie anders. Er hat Garnichts, keine Wahrheit, keine Weisheit, kein echtes Wissen. Alles was er hat, ist ein riesiger Zweifel. Und das kann einen ganz schön fertig machen, nicht nur unseren kleinen Menschen hier.

Okay, sagten sich die Gelehrten, das lässt sich ja klären. Doch sie scheiterten. Und so entstand das Bild des Dummen. Dumm und verbohrt ist somit jemand, der glaubt zu wissen, obwohl er ahnt, dass er es nicht weiß. Der Unwissende hingegen, weiß es einfach nur nicht, und ist schon mal einen Schritt weiter als der Dumme. So argumentiert eine andere Gruppe an Gelehrten des alten Griechenlands, deren Kunst wir heute noch kennen, aber die Namen der Leute nicht mehr so wirklich, nämlich die Skeptiker. Eine andere Gruppe? Ja, nicht alle alten Griechen dachten ja das Gleiche. Eine griechische Philosophie in dem Sinne gab es nie. Es gab gleich mehrere davon.

 
Was hat der Unwissende dem Dummen voraus? 3

Den Zweifel! Das behaupten zumindest die Skeptiker.

Da ist was dran. Nicht die Sicherheit, sondern der Zweifel ist der Anfang allen Denkens. Wer alles weiß, muss ja nicht mehr denken. Somit ist der, der denkt, immer einer, der irgend etwas nun mal nicht weiß, oder der an etwas zweifelt, was andere Wissen nennen. So gibt es das Denken, des Unwissenden, der das Wissen sucht, und das Denken des Zweifelnden, der an das alte Wissen nicht mehr glauben kann und neues Wissen sucht. Der, der aber alles meint zu wissen, der wird kaum Grund haben zum Denken. Und da Denken nicht so einfach ist, ist es vielen lieber, die Zweifel zu vergessen. Je länger und öfter sie dies treiben, desto länger werden sie die Dummen bleiben. Doch das Wissen des Dummen ist nicht wirklich zu gebrauchen, das weiß er, aber er will es einfach nicht wahrhaben. Nun gut, daran will ich hier jetzt nicht weiterknappern.

Wir merken uns aber: 

Denken setzt Unwissen voraus und fängt mit einem Zweifel an.

So scheint die größte Dummheit der Menschheit doch darin zu bestehen, zu glauben, sie wüssten irgend etwas ganz genau. Ist denn das, was man weiß über all die Dinge in der Welt nun auch immer wirklich so? Wenn nämlich nicht, dann gibt es hier ein Problem. Irgendwo in diesem Wissen ist dann das, wovor der Mensch sich am meisten fürchtet, ein grundsätzlicher "Irrtum" nämlich. Aber wo? Und wie kam der in dieses Wissen? Wie vor allem wird man diese Irrtümer wieder los? Nichts als Sorgen. Je mehr man weiß, dass man sich irren könnte, desto größer sind die Sorgen. Ach wie schön ist es da, nichts zu wissen, oder zumindest nicht alles zu wissen.

 
Woher kommt das Wissen? 4

Gute Frage. Vielleicht ist es ja schon da und war da auch schon immer. So sagt Plato, ebenfalls ein Grieche aus der Antike, dass die Dinge vom Wesen her schon bestimmt seien. Also, dass der Holzgriff eines Messers eigentlich ja schon da war, bevor er Holzgriff eines Messers wurde, nämlich als fester Bestandteil des Baumes, aus dessen Holz er geschnitten wurde. Aristoteles, sein Schüler, erwiderte, nee, nee, die Dinge sind das, was wir ihnen sagen, das sie sein sollen. Der Mensch gibt ihnen eine Funktion. Erst durch die Funktion, die diese Dinge in unserem Alltag bekommen, sind sie das, was wir in ihnen sehen. Wir sind es, die den Dingen einen Namen geben.

Stimmt etwas, man denke da an "Flugzeug", da fiel den Menschen nicht mehr zu ein, als eben ein Zeug, das fliegen kann. Oder das "Rotkehlchen", es hat den Namen, weil wir, die Menschen, es nach seinem Aussehen benannten, ein Aussehen, dass wir, aber nicht alle Lebewesen wahrnehmen.

Doch Aristoteles sollte in dieser Frage in der Geschichte wenig Gehör finden. Die Kirche übernahm die Gedanken des Plato, was an die 2000 Jahre auch fast unverändert so blieb. Wenn die Dinge ein Wesen haben, dann nämlich kann nur ein Gott ihnen dieses Wesen gegeben haben. Und über die Absichten dieses Gottes, kann ein Mensch keine Kenntnisse haben, daher weiß er sehr oft nicht, warum die Dinge so sind, wie Gott sie geschaffen hat.

Eine fast coole Lösung, erklärt sie doch schon mal, warum die Menschen unwissend sind, und warum sie es bis in alle Zeiten bleiben werden. Eines erklärt sie dennoch nur unscharf: Warum will der Mensch es trotzdem wissen? Warum gab Gott ihm dann die Gabe der Neugierde wie den Tieren, ja schlimmer, warum gab er ihnen dazu noch die Wissbegier? Etwa um sie zu ärgern? Ist das die Strafe für die Vertreibung aus dem Paradies?

Wir erinnern uns, die Frucht, die Eva dem Adam zum Naschen gab, die verbotene Frucht, war nichts geringeres als die Frucht vom Baum der Erkenntnis, ja, nicht etwa irgendein blöder Apfel. Doch was ist das denn für eine Strafe? Genau deswegen flogen die Menschen doch aus dem Paradies, weil sie ihren Wissenshunger stillen wollten. So war es nun ein Leichtes, seitens der Kirche, diesen Wissenshunger als ein Zweifel an Gott zu ächten. Eben drum, der Mensch sei unrein und unreif. Seine Wissbegier sei eben nicht etwas Gutes, sondern etwas Schlechtes. Sie ist Gotteslästerei. Gerade diese Eigenschaft, vom Baume der Erkenntnis, trotz ausdrückliches Verbot, Naschen zu müssen, diese Neigung kam ja eben nicht von Gott und sie führte dazu, dass Adam und Eva sich mit Gott anlegten, also gegen seine Verbote handelten. Und so sah es dann auch am Anfang der Neuzeit, aber auch schon im Mittelalter aus. Viele Gelehrte wurden von der Kirche als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, eben weil sie an ihrem Wissen festhalten wollten. Ein Name sei hier genannt: "Giordano Bruno".

Das Problem wurde somit nicht gelöst, sondern nur unterdrückt. Die Kirche hatte einfach keine überzeugende Antwort auf diese Frage.

 
Also, woher kommt nun das Wissen, ... 5

... und warum kommt der Mensch so schwer bis gar nicht da heran?

So hieß es damals in den ersten Tagen der Inquisition: Die Philosophen haben unrecht, die behaupten, dass die Wahrheit zu erkennen sei. Sie wird von Gott den Menschen über die Erleuchtung gegeben, und nur dem zu Teil, der fromm genug ist und seinem Gott treu diene. Im Wesentlichen also erst im Himmel. Erst hier bekommen alle, die dort überhaupt ankommen, all das Wissen.

Was nun, wenn es gar keinen Gott gibt? Ist es das, was die Kirche zu verheimlichen versuchte? Jedenfalls ist es das, was in der Aufklärungszeit, also in jener Zeit, in der die Leute ihren Wissensdurst stillen wollten, auch dazu führte, dass der Einfluss der Kirche zurückgehen musste. Die Zeit der Aufklärung ist die Zeit der Entdeckungen und Erfindungen. Der Mensch erreicht mit seinem Wissen Gott, so glaubt er. Er wartete nicht mehr auf Erleuchtung, er holte sich das Wissen wann immer es ihm möglich war.

Und so segelt dann eines Tages ein Columbus los, um zu beweisen, dass die Erde eine Kugel ist. Ein Kopernikus wird zeigen, dass nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt unseres Sonnensystems bildet. Ein Kapitän Cook wird für die Krone Englands den riesigen pazifischen Ozean durchkreuzen. Ein Gutenberg wird das Wort Gottes so kostengünstig vervielfältigen, dass es sogar in viele Sprachen übersetzt werden kann. Ein Leonardo da Vinci wird alles Wissen einsammeln, was zu seiner Zeit zu haben ist. Ein Charles Darwin wird das Paradies entzaubern und zeigen, dass der Mensch nicht von Gott geschaffen wurde, zu mindest nicht so wie es in der Bibel steht. Tausende von Ingenieuren werden im 18. und 19 Jahrhundert Dinge erfinden, über die wir heute gar nicht mehr nachdenken, etwa den Strom aus der Steckdose, die Musik von einem Tonträger abgespielt, den Computer mit erster Software, die Eisenbahn, das Telefon, das Auto. Auch andere Sachen werden neu erfunden, etwa die Schule auch für arme Kinder. Dinge in anderen Kulturen werden entdeckt und nach Europa gebracht, wie Porzellan, Nudeln, Kartoffeln, Schokolade, Kaffe, Tee, Tabak, Gummi, all das und noch viel mehr. Alles in der Welt wurde verändert. Der Mensch übernahm sein Schicksal selbst. Das tat er auch früher schon, aber nun tat er es recht und notfalls auch ohne die Hilfe der Götter. Den höchsten Berg wird er erklimmen, in die Tiefe der Meere wird er tauchen, den kältesten Punkt der Erde wird er finden, und er wird sogar den Mond betreten. Und, ja, er wird auch die Atombombe bauen und auch auf Städte abwerfen.

Es wird nicht immer gut, was er macht, und er zerstört sogar seine Umwelt dabei. Er wird also nicht immer den richtigen Weg gehen, nur weil er der Mensch ist. Er wird auch kein besserer Gott werden. Millionen Jahre lang wurde die Erde von den unmöglichsten Katastrophen heimgesucht. Doch nun steht der Mensch da, der auf Knopfdruck die ganze Welt auf einmal zerstören kann. Wehe uns, der ist von allen guten Geistern verlassen und macht irgendeinen Unsinn. Jetzt ist er nicht mehr das kleine dumme Tier, das da ängstlich aus dem Gebüsch gekrochen kommt. Jetzt hat er Verantwortung für die Welt, weil er um ihre Zerbrechlichkeit weiß. Jetzt hilft ihm auch kein Gott mehr.

Aus

"Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt." (Sprüche Salomos Kapitel 16, Vers 9)

wurde

Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Der Mensch dachte, Gott lachte.

Aber, wir wollen uns hier nicht zu voreilig über unseren Menschen lustig machen. Sind wir denn großartig anders? Klar geworden ist jedenfalls, Wissen allein ist es nicht, und es ist offenbar viel umfangreicher, als es eigentlich aussieht. Also sehr viel ist nötig, um es zu verstehen, das Wissen.

 
"Die Wahrheit erkennen"? Wie mag das gehen? 6

Es war jener Aristoteles (384 - 322 vor Chr.) in Athen des alten Griechenlands, der zu seinen Schülern sagte, dass es einfache Wahrheiten gäbe, und dass ein Gedanke der davon ausgeht, ebenso die Wahrheit über andere Dinge erkennen lässt, wenn man nur die richtigen Regeln dieses Denkens beherrscht.

¡Hola! Wenn man das richtig versteht, geht es hier um eine Kunst oder Technik, wie man von Wahres auf Wahres käme und niemals in das Falsche geraten würde. Würde dies gelingen, so braucht man nur wenige Wahrheiten und alle anderen könnte man daraus ableiten.

Später wird diese Technik den Namen "Logik" erhalten.

Aristoteles hat es allerdings so nicht wirklich erfunden, er hat abgeguckt. So etwas war damals nicht sonderlich ehrenrüchig oder gar verboten. Vor seiner Zeit stritten sich bereits die Gelehrten. Ein eigentlich eher unbekannter, aber vielleicht großer Mann der Antike, war Gorgias (ca. 485-376 vor Chr.).  Er erfand - jetzt kommt's - die Kunst zu Lügen. Dies sei die Ästhetik, von dem griechischen Wort "aisthesis", die Wahrnehmung. Also das Scheinbare vor den Augen des Betrachters wahr werden zu lassen - eine Art sprachliche Magie - die in die Geschichte als die Sophistik einging und die wir mal ganz trocken gesehen, als die Hohe Kunst des Lügens bezeichnen können. Sie hatte nichts mit der heutigen Ästhetik der Designer zu tun (oder vielleicht doch? Na ja.) Der Job von Gorgias war es damals, vor Gericht, seiner Streitpartei das Recht einzustreiten, und erlaubt waren alle Waffen der Redekunst. Dabei ging es gar nicht mehr um Recht oder solche Dinge, sondern um die besseren Argumente. Diese Streitgespräche vor Gericht hatten auch einen Namen, Kritik. Berühmt ist die Geschichte, wie Gorgias herausgeforderte wurde, den damaligen Krieg zwischen Sparta und Athen nur mit seiner Redekunst zu beenden, um zu zeigen, dass Worte mächtiger sind als Schwerter. Dieser Geschichte nach gelang es ihm. Er sagte was der Unterschied zwischen Krieg und Frieden ist, also in etwa: Frieden sei, wenn die Söhne ihre Väter begraben, Krieg hingegen, wenn die Väter ihre Söhne begraben müssen. Dem nicht genug, er sagte, dass hinter jedem griechischen großen König seine Frau stünde. Die Macht eines griechischen Königs ist groß. Größer aber ist die Macht seiner Frau über diesen König. Sie sollen so lange keine Liebe mehr mit ihren Männern machen, bis diese freiwillig den Krieg aufgeben. Und so geschah es auch. Gorgias hatte noch ein paar andere Tricks auf Lager, aber diese hier nun aufzuzählen, führt doch etwas zu weit.

Gut, daher kannte Aristoteles die Redekunst, oder wie man heute sagt, die Rhetorik. Nur, bei der Rhetorik ging es ja darum, das Scheinbare für wahr erscheinen zu lassen, also eher Täuschung, und nicht darum, das Wahre beim Reden und Denken zu bewahren. Es fehlt noch etwas. Wenn man Regeln aufbauen will, die vom Wahren zum Wahren führen, braucht man Wahres. 

 
Woher Wahrheiten und Regeln nehmen, wenn nicht stehlen? 7

So, jetzt kommen wir in den Mathe-Unterricht, in dem alte Griechen immer gern zitiert werden. Gähn - Uah - Langweil - oder doch nicht? Du kennst die Leute ja, etwa Euklid und Thales. Doch ich erzähle jetzt mal andere Geschichten.

Es war Thales, (624 - 545 vor Chr.), der etwas wusste, was seine Zeitgenossen verdutzte und mit dem auch er eine kriegerische Schlacht gewann. Thales war Berater der Armee des Königs Kroisos. Eines Tages standen sich die feindlichen Heere gegenüber. Kleines Problem, zwischen ihnen war ein reißerischer Fluss, der Halys. War nicht viel mit Schlacht. Man kam da einfach nicht rüber, ohne dass der andere einen entdecken würde. Thales hatte die zündelnde Idee wie er dennoch einen Überraschungsangriff planen könnte. Ein Wunder musste nämlich her. Klar, so einfach kann das alles sein. Thales war bekannt für sein Wissen. Er war es, der als erster in Griechenland eine Sonnenfinsternis voraussagte. Also würden die Generäle wieder auf ihn hören. Die Idee. Man ändere den Flusslauf. Thales ging mit ein paar Mannen an den Fluss hinauf (also Richtung Quelle). An einer günstigen Stelle legten sie Dämme an und lenkten den Fluss in ein neues Flussbett. Hm. Der Geschichte nach natürlich, von der ein gewisser griechischer Schreiber Herodot berichtete . Ob sie es wirklich taten, weiß man nicht. Aber, so die Geschichte, eines schöne Morgens versiegte das Wasser in dem alten Flussbett, und da die Armee, der Thales diente, auch genau den Zeitpunkt wusste, konnten sie die Gegner überraschen und gewannen die Schlacht.

Thales zeigte, dass man Dinge voraussagen kann, wenn man von etwas ausgeht, das als Wissen gesichert ist. Doch das war so noch nicht überall anwendbar. Es war dann Euklid, der die griechische Mathematik in ein kurzes Werk zusammenzufassen suchte. Die Lehre des Euklid funktionierte so: Er hatte einfache Dinge, über die man kaum streiten kann, etwa Punkte. Über diese definierte er Linien, und über diese geometrische Figuren. Die Lehre von den geometrischen Figuren war also genauso gültig, wie die Tatsache, dass es Punkte gibt, wenn man diese Regeln des Euklid einhält. Alles Wissen um die Geometrie passte nun auf eine einzige Schulheftseite, oder besser Marmortafel. Man kann natürlich alle Aufgaben auswendig lernen, auch deren Ergebnisse, aber wozu? Rechnen war damit nicht, man weiß das Ergebnis, sondern man weiß auch, warum dieses und kein anderes Ergebnis. Dies ist der Unterschied zwischen Wissen, also die Ergebnisse in den Aufgaben, und Weisheit, also die Geometrie als Regelwerk zum Rechnen.

Übrigens, echte Mathematiker gab es damals in der Antike nicht. Die Mathematik war zu der Zeit Teil der Philosophie, oder auch Teil der Religion, wie etwa bei den Ägyptern.

 
Regeln wie die Mathematiker? Wie soll das denn gehen? 8

Und daran orientierte sich Aristoteles. Er suchte nach immergültigen Sätzen, die er "Wissen" nannte. Z.B.: "Sokrates ist sterblich". Das wusste er, schließlich war Sokrates zu seiner Zeit ja auch schon mehr als tot. Und es würde nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn Sokrates plötzlich wieder unter den Menschen weilte, und diesmal unsterblich sei, so aus Jux und Tollerei. Auch andere waren bereits gestorben, so dass die Annahme, dass alle Menschen sterblich seien, durchaus berechtigt erschien. (Alle, bis auf Jesus, wenn man den Christen glauben sollte, aber der war zu der Zeit ja noch gar nicht geboren und immerhin war er ja nicht unsterblich, sondern nur wiedergeboren, um dann nach ein paar Tagen auf alle Zeit in den Himmel zu gehen. Lief somit nicht mehr als Mensch unter den Menschen herum). Wenn alle Menschen sterblich sind, dann deshalb, weil Mensch A sterblich ist, und Mensch B, und Mensch C, und und und, eben alle. Daraus konnte man die Regel bilden:

Wenn alle Menschen sterblich sind, dann auch jeder einzelne.

Wir sehen, das Wissen verändert nun sein Form. Dass ein Mensch stirbt, könnte man sehen, und das wäre eine Erfahrung. Dass alle Menschen irgendwann mal sterben, kann man nicht sehen, da man selbst auch ein Mensch ist, also erst einmal sterben muss, um es zu sehen, dabei aber herzlich wenig zu sehen bekommt. Diese Regel haut genau dann nicht mehr hin, wenn jemand nicht stirbt. Doch dieser Jemand ist dann der letzte Mensch, weil ja alle anderen schon gestorben sind, somit auch keine solche Regel mehr notwendig wäre. Dennoch wird der letzte Mensch nie wissen, ob er unsterblich ist. Wie dem auch sei.

Wir haben nun eine ultimative Regel, die auch Aristoteles hatte und vor ihm sein Lehrer Platon andachte.

"Vom Allgemeinen in das Spezielle" - So heißt diese Regel.

Wenn alle Dinge oder Individuen innerhalb einer Gruppe eine bestimmte Eigenschaft haben, dann auch jeder einzelne, der dieser Gruppe angehört.

Doch aufgepasst!!! Umgekehrt geht nicht, was sich auch zeigen lässt. Die Tatsache, dass Sokrates ein Mann war, besagt nicht, dass alle Menschen auch Männer sind. Eine solche Regel wäre verheerend. Und das ist sie auch, schließlich ist das einer der meisten Denkfehler in unserem Alltag, das Voreilige Verallgemeinern, oder wie wir heute schlicht sagen, das "Schubladendenken".

Ähnliche Regeln kennen wir, die man hierzulande auch einfach Bauernregeln nennt. Die sind also durchaus ganz praktisch:

Regnet es im Mai, ist der April vorbei!

Wie man auch hier sieht, diese Regel gilt nicht, wenn das Erste eintrifft, aber das zweite nicht. Allerdings ist eine solche Regel auch unbrauchbar, wenn das Erste und das Zweite inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, wie man sieht. Es ergibt dann kein neues Wissen. Einen solchen inhaltlichen Bezug, nennt man "Zusammenhang". Aber das Problem mit den Zusammenhängen in der Welt lassen wir hier erst mal noch weg. Es ist ja auch so schon kompliziert genug.

 
Wie funktioniert diese Regel? 9
Wenn ich eine Gruppe von Leuten oder Dingen oder anderen Lebewesen habe, dann nur deshalb, weil diese für mich eine gemeinsame Eigenschaft haben, ich ihr also einen Gemeinnamen geben kann. Etwa "Griechen", "Dinosaurier", "Hunde", "Katzen", "Lügner", "die Doofen", und so weiter. Es gibt aber keine Gruppe von Mehreren aufgrund eines Merkmals, dass nur ein Einziger haben kann, und da alle Dinge auch einzigartige Merkmale haben, sind sie auch einzigartig. Welche? Na, sie sind zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Punkt in der Welt. Mindestens das unterscheidet sie. So kann ich nur diese Regel des Schließens vom Allgemeinen auf das Spezielle anwenden, wenn es dabei um eben die Merkmale oder Eigenschaften geht, die all diese dieser Gruppe gemein haben, also um deren gemeinsamen Eigenschaften geht. Wenn ein türkischer Junge, einem anderen das Geld klaut, dann wäre es nicht mehr logisch im Sinne des Aristoteles, nun anzunehmen, dass dieses Merkmal Klauen, der ganzen Gruppe "Türkische Jungs" zukommt. Ich kann dann eben nicht behaupten, obwohl behaupten kann ich viel, wenn der Tag lang ist, sagen wir mal so, ich habe dann nicht bewiesen, dass ein anderer Junge, der auch dieser Gruppe angerechnet wird, ebenfalls klaut. Dies wäre das, was man einen "Trugschluss" nennt. Trugschlüsse, auf deren Gültigkeit man besteht, machen aus Unwissenden eben Dumme, wie ich oben schon sagte. Es ist keine Schande, unwissend zu sein, aber schon eine Beleidigung an jedes vernunftbegabte Individuum, auf einer so entstandenen Dummheit bestehen zu wollen. Nun denn, die Vernunft hat Grenzen, gerade das unterscheidet sie von der Dummheit, hat mal jemand gesagt. Es ist eben immer leicht sich zu irren und deshalb passiert es auch immer wieder.

Jedenfalls konnte man nun eine Reihe Regeln aufstellen, die man dann Schlussregeln nannte und in einer Art Dreisatz funktionierten. Wenn alle Menschen sterblich sind, und alle Männer Menschen seine, dann sei es logisch im Sinne des Aristoteles, dass auch alle Männer sterblich sind. Tja, wichtig ist, was unter dem Schlussstrich steht. Aber für die Philosophen war zudem wichtig, warum nun genau das zum Schuss heraus kam und nicht etwa das Gegenteil. Wenn es egal ist, welche Worte man benutzte, dann gibt es sogenannte reine Formen des immer gültigen Schließens. Das ist wichtig für unser Denken, denn wir wollen ja über die Dinge nachdenken, nicht unbedingt immer wieder über das Denken. Wir wollen konsequent handeln. Oh, lustig, "Konsequenz" ist das lateinische Wort für diese Dreisätze. Wir wollen unsere Konsequenzen ziehen, und "Konsequens" ist das lateinische Wort für den Satz der dabei herauskommt. Ja, wir wollen uns eben endlich entschließen. Nur wenn es geht, das bitte eben richtig. Um dies richtig zu tun, aber, müssen wir uns entscheiden können, also nun wissen, ob etwas so oder so ist, (weil nicht beides sein kann, sagt Aristoteles) sonst können wir daraus halt keine Schlüsse ziehen oder wie der Lateiner es sagt, keine Konsequenzen. Ist doch logisch, oder? Ja, ja, all die Worte die wir tagtäglich so benutzen, haben sogar eine Bedeutung ;o) Wichtig ist daher, dass wir da mal keine Trugschlüsse machen, sondern einen sinnvollen Entschluss fassen. Dies ist das was man später "Vernunft" nennen wird, oder auch "Folgerichtiges Denken". Jedenfalls, wir wollen eben nicht den Rest unseres Lebens zweifeln müssen und auch keinem Trugschluss aufsitzen.

2000 Jahre lang lernten die Schüler wie dieses richtige Schließen funktioniert, eben die Logik. Bei Aristoteles heißt sie "organon", aus dem wir heute das Wort "Organisieren" geformt haben, und glauben zu wissen, was wir damit meinen. Dieses griechische Wort heißt auf Deutsch "Werkzeug". In vielen Wissenschaften ist es erhalten geblieben. Ein Gebiet in der Schule, in dem dies gelehrt wurde, war die Mengenlehre.

 
Ab wann funktioniert diese Regel nicht? 10

Dazu muss man einen Philosophen der Neuzeit aus dem letzen Jahrhundert grob zitieren, nämlich Karl Popper (1902-1994). Alle Regeln, alles Wissen ist nur Annahme. Wir wissen also nicht, sondern wir nehmen an, dass etwas so sei, wie wir denken. An dem Tag, an dem ein einzelner aus der Gruppe nicht dieses gemeinsame Merkmal hat, an dem Tag gilt auch die Regel sowie das Wissen um diese Gruppe nicht mehr, es wird falsch und ein neues Wissen wird geboren. Dies nannte man die Verwerfung. Wissen muss verwerfbar sein, wenn es nicht mehr gültig oder brauchbar zu sein scheint.

Götter irren sich nicht, aber Menschen! Dies ist nicht das Denken der Götter, sondern das Denken der Menschen und kein Gott kann daher schuld daran sein, wenn Menschen sich unbedingt irren wollen.

Passiert mit dem Irrtümern ist das eigentlich schon sehr oft in der Menschheitsgeschichte. Allen voran sei da der Galilei (1564-1642) genannt, der keinen Geringeren als Aristoteles widerlegte. Aristoteles sagte, dass alle Dinge, die schwerer als Wasser sind, im Fluss untergehen, während alle Dinge, die leichter sind als Wasser, auf dem Fluss schwimmen würden. Galilei nahm ein Blatt Papier, legte darauf eine Eisennadel und zog das Blatt weg. Die Eisennadel schwamm! So der Versuch. Der Grund, es hängt nicht mit dem Vergleich zusammen, was schwerer oder leichter als Wasser ist schwimmt, sondern damit, wie ein Körper z.B. das Wasser verdrängt. Was Galilei nicht zu widerlegen versuchte, war das Logische Schließen des Aristoteles, sondern nur, dass das scheinbar Wahre, nicht unbedingt wahr sein muss. Das Wissen über das grundsätzlich Wahre, das da am Anfang allen Denkens stehen sollte, dieses Wissen sei nur über Erfahrung (also die Forschung) zu erarbeiten, über die Beobachtung der Natur. Die Naturwissenschaften waren geboren. Galilei entdeckt in seinem Fernrohr die vie großen Monde des Jupiter. Er behaupte, dass dies nicht dem Weltbild entspräche, das die Kirche (Ptolemäisches Weltbild) aus der Bibel heraus zu lesen glaubte. Galilei musste zu der Zeit noch abschwören, weil die Kirche nicht bereit war, das Weltbild den neuen Entdeckungen anzupassen.

Für die Kirche hingegen war mehr als ultimativ klar, alle Wahrheit stehe in der Bibel. Dies seien die Wahrheiten, die am Anfang allen Denkens zu stehen haben. Etwas zu erfahren, das genau das Gegenteil dessen sei, was in der Bibel stünde, kann nicht von Gott gekommen sein. Es gab jetzt zwei Möglichkeiten, Gott irrte sich, oder die Leute, die die Bibel geschrieben hatten, hatten Gott nicht richtig zugehört. Genau das versuchte Galilei zu beweisen. Er selbst war ja ein gottesfürchtiger Mensch.

Hier kann man ein wenig erkennen, dass die Philosophie "Die Mutter aller Wissenschaften" ist. Sie erfindet nicht einfach nur Wissenschaften, sondern sie überlegt auch, wie diese Wissenschaften zu handhaben sind, also wie man als Wissenschaftler forscht. In diesem Sinne ist auch Galilei ein Philosoph. Er revolutionierte die Wissenschaften. Auch wenn er abschwören musste, weil die Kirche das so wollte, diese Revolution war nicht mehr auf zu halten. Und wenn du in der Schule ein Experiment machen sollst, dann denke daran, wie es kam, dass wir heute Experimente machen, wie einst Galilei. Lernen sollst du nämlich, dass es die Erfahrung und nicht sonst irgendwas ist, das Wissen schafft in der Naturwissenschaft. Dies gilt aber nicht für die Mathematik, die ist keine Naturwissenschaft. Und ebenso gilt das nicht für die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Musik und andere. Schon gar nicht für die Philosophie, denn sie ist ja keine Wissenschaft. Man sieht aber auch noch etwas anderes. Die Philosophie hat es schwer gegen eine Religion, da diese natürlich in Form einer Kirche, alles tun wird, sich von ihr, der Philosophie nicht "entzaubern" zu lassen. Wie man später sagen wird, die Philosophie stürmt den Himmel und enttrohnt die Götter, die eben nicht den Menschen schufen, sondern die sich der Mensch selbst schuf. Dies wird aber erst im 19. Jahrhundert geschehen, in dem ein gewisser Karl Marx etwa sagen wird: "Religion ist Opium für das Volk".

 
Der Zwischenstand 11

Man braucht also zwei Sachen, gute möglichst gültige Regeln und absolute Sicherheit oder andere gute Gründe bezüglich der Wahrheit von der man ausgehen möchte. Aber auch die Erfahrung ist trügerisch, deshalb sagen moderne Philosophen, es reichen die guten Gründe, etwas für wahr zu halten, eben solange bis es klar ist, dass dies ein Irrtum war. Es gibt damit keine absolute Wahrheit, sondern nur die Annahmen des Menschen und dessen Hoffnung, mit diesen Annahmen nicht gänzlich falsch zu liegen. Er der Mensch, entwirft seine Welt und er erfährt sie eben nicht, so wie das manche sich denken. Und weil dem so ist, will er so viel wissen. Was man dann nicht tun sollte, ist diese Irrtümer weiter zu pflegen, sondern sie schnellstmöglichst irgendwie los zu werden. Der Irrtum gehört also immer dazu und es kommt nur noch darauf an, aus seinen Fehlern zu lernen. Fehler im Denken darf man also machen, denn das machen ja auch die großen Denker so. Wer seine Fehler nicht zugeben kann, oder sagt, er mache sowieso keine Fehler, ist kein großer Denker, und wer nie zweifelt, hat auch noch nie gedacht. Mit diesen Zweifel, also dann wenn wir nicht mehr wissen, was wahr oder falsch ist, also nicht mehr entscheiden können, genau dann beginnen wir zu philosophieren. So die Skeptiker, also jene alte griechische Schule.

Und Schwupps, da bin ich wieder bei dem ollen Protagoras:

"Der Mensch ist das Maß aller Dinge, wie sie sind, d.h. wie sie ihm erscheinen, und wie sie nicht sind, d.h. wie sie ihm nicht erscheinen."

Und nun macht der Satz vom Sokrates auch Sinn:

"Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Aber, nun ist das auch eigentlich nicht mehr das Problem. Ich muss ja auch gar nicht mehr alles wissen. Ich muss nur viel beobachten, viel zuhören, viel ausprobieren, viel dazu lernen, um möglichst gut zu erahnen, was denn die Dinge wie beschaffen macht, was die Zusammenhänge wie aufbaut. Und dann helfe mir die aristotelische Denkkunst, wenn ich über die Dinge nachdenke, die ich gar nicht beobachten kann. Generell ist das, was ich "Die Welt" nenne, nur ein Entwurf der Welt, so eben wie ich als Mensch mir die Welt vorstelle. Und dieses Weltbild gilt bis zu dem Tag, an dem ich etwas dazulerne oder etwas verwerfe, was ich vorher für wahr gehalten habe. Deshalb wollen viele Menschen ja nichts dazulernen, denn dann besteht der Stress, eines Tages auch sein Weltbild ändern zu müssen, seine Sicht von den Dingen und den Zusammenhängen.

Ein Problem, müssen wir aber noch lösen, wie nur kommen wir aus den Irrtümern heraus und wir nur können wir Irrtümer möglichst vermeiden, um uns etwas Arbeit zu sparen. Dieses Arbeit ersparen, ist es, der Mensch ist von Natur aus ja faul. Er hat einfach keinen Bock drauf, dauernd die selben Fehler immer wieder zu machen.

 
Was aber, wenn Aristoteles sich nun geirrt hat? 12

Auweia, und das hat er. Nicht aus Dusseligkeit, wohlbemerkt, aber ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen, weil Aristoteles an das Seiende glaubte, dass es existiere, und an das Nicht-Seiende nicht glaubte, weil es nicht existiere. Hm. Wo? Wie? Was?

Es ist unmöglich, sagte Aristoteles, dass dem einen das Gleiche zukomme und gleichzeitig nicht zukomme?

Dem Einen? Und da haben wir schon den Einen: Wo leben die knallgrünen Elefanten?

Ich mache mal zwei Allgemeinsätze, die beide wahr sein werden:

1. Alle knallgrünen Elefanten leben im Kölner Zoo.

2. Kein knallgrüner Elefant lebt im Kölner Zoo.

Der zweite Satz scheint wahr zu sein, weil niemand da bisher einen knallgrünen Elefanten gesehen hat. Wenn wir annehmen, dass es gar keine knallgrünen Elefanten gibt, dann wird auch niemand jemals einen knallgrünen Elefanten im Kölner Zoo zu sehen bekommen,. Es sei denn, jemand malt einen gewöhnlichen Elefanten knallgrün an, aber das zählt ja nicht. Ist ja Schummel.

Der Erste Satz ist wahr, weil ich den zweiten für wahr halte. Wie das? Wenn es eben keinen knallgrünen Elefanten gibt, dann lebt auch kein knallgrüner Elefant in der Savanne, in den Zoos der USA oder sonst wo anders, so dass ich sagen kann, außerhalb des Kölner Zoos lebt kein knallgrüner Elefant. Damit leben alle knallgrüne Elefanten, die es geben könnte, im Kölner Zoo. Wenn du meinst, das stimme nicht, dann zeige mir einen knallgrünen Elefanten, nur einen einzigen, versteht sich, einen echten eben, der nicht im Kölner Zoo lebt.

Somit gibt es nach dem ersten und zweiten Satz und mit der Denkkunst des Aristoteles knallgrüne Elefanten und gleichzeitig nicht im Kölner Zoo. Das ist gar nicht gut.

Solche Beweise gab es eine Menge. Zum Beispiel das Gottesgericht. Wenn es einen Gott gibt, dann hilft er dem Gerechten. Also schlugen sich diejenigen die vor Gericht ihr Recht erstritten so lange, bis der eine tot war. Dies sei Recht. Blöd ist nur, wenn es keinen Gott gibt, oder sagen wir mal, der gerade etwas besseres zu tun hat. Letzteres nahm man dann irgendwann einmal an, und so endete die Zeit, in der nur der Stärkere Recht haben konnte. 

Offenbar denken wir hin und wieder über Dinge nach, die es eindeutig gar nicht gibt. Und diese Dinge schleichen sich in unser Welt-Bild ein, so als würde es sie geben. Das macht die Art und Weise unseres Denkens, oder besser die Denkkunst des Aristoteles. Wo das Nichtseiende seinen Platz im Denken findet, kann es schnell passieren, dass man auch manchmal Zusammenhänge sieht, wo gar keine sind. 

Es gibt ein ziemlich einfaches Experiment. Das ist schon uralt.

Bild1=Taube Bild2=Gitter Bild1+Bild2=Film

Trick-Film. Die schnelle Aufeinanderfolge mehrerer Bilder, lässt den Eindruck entstehen, als passiere da was besonders. Dabei sind es hier nur 2 Bilder. Am Ende sieht es so aus, als wäre die Taube hinter Gittern. Ist sie aber nicht. Der Film ist eine Sache, mit der wir im Alltag leben, der uns eine Wirklichkeit vorspielt, die es aber in der Wirklichkeit gar nicht gibt. Cool, oder? Nichts am Fernsehen etwa ist wirklich die Wirklichkeit? Genauso wenig, wie die Taube hinter Gittern sitzt. Es gibt kein Bild, bei dem die Taube eben auch Gitterstäbe davor hat. Nur der Film lässt dieses Bild entstehen.

So wie im Film die Geschichten entstehen, so in etwa entstehen auch die Gedanken manchmal im Kopf. "Grün" kennen wir ja. "Elefanten" sicher auch, nur "grüne Elefanten" eben nicht. Auch diese Irrtümer bestehen aus Teilen, die eigentlich Wissen sein könnten, nur eben irgendwie nicht so richtig zusammenpassen. So haben auch Irrtümer ihre eigene Logik.

 
Hier stimmt doch was nicht! Etwas fehlt noch. 13

So richtig richtig Denken, wenn man das denn als Denken bezeichnen will, lernten wir weder von den Griechen, noch von der christlichen Kirche, die an den Regeln des Aristoteles diesen Grundsatz nie änderte, denn Nichtseiendes kann es ja gar nicht geben, so glaubte man.

Zum Glück gab es ja die Araber. Mal abgesehen, davon, dass die Kreuzzüge tobten, sich Christen und Muslime permanent gegenseitig die Schwerter über die Rübe hauten, weil irgendwer meinte, der nur eine Gott sei der wahre Gott, hatte man etwa im damaligen Spanien, insbesondere im arabischen Bereich, dem Emirat von Cordoba, auch ohne Krieg prima nebeneinander leben können. Dort gründeten Philosophen, die sich im geistigen Gefolge des Aristoteles sahen, die ersten Universitäten, genauer die Schulen, also das was wir heute eigentlich auch "Schule" nennen, und sie nannten sich die Scholastiker, vom lateinischen "scola", die Schule. Na, um es nicht allzu spannend werden zu lassen, die Araber brachten uns den Aristoteles neu ins christliche Europa und noch etwas, was man bis dahin im Abendland nicht kannte, das Rechnen mit der Null. Und diese "Null", das "Nichts", oder das "sukun" (Große Stille, abgeleitet aus "sakina", was bedeutet, die Gegenwart Gottes) hatten diese wiederum von den Indern abgeschaut, und deren Welt wiederum dreht sich fast ausschließlich um das große Nichts, das Nirwana. Gott im Nichts? Nun, das erstaunte doch etwas das christliche Abendland. Denn da gab es ja kein Nichts, sondern Gott der Allmächtige war schließlich allgegenwärtig, also eigentlich überall. Die konnten damit überhaupt nichts anfangen. Wie auch immer.

Klingt sicher etwas komisch, aber das war ein Problem. Über 200 Jahre versuchte man, die arabische Mathematik, die man heutzutage in jeder Grundschule lernt, mit den arabischen Ziffern, also 1,2,3,4,5,6,7,8,9 und eben die 0, irgendwie zu verstehen. Beim Rechnen mit den Römischen Zahlen gab es keine Null, also es gab kein Zeichen für eine Null. Wenn eine Drei so aussah III, dann nahm man jedes I weg, um 3-3 zu berechnen, und alle I waren dann weg. Nichts war mehr da. Das Nichts hatte somit kein eigenes Zeichen. Das sagte auch Aristoteles. Weil das Nichts gar nicht sein kann, kann man es auch nicht benennen, hat es also auch keinen Namen. Wenn auf Römisch man XIII - III rechnete ergab es X. Bei den Arabern hingegen ergab es 10, also 13-3 war da 10. Was nun war aber das Zeichen "0"? Ohne diese Null war es nach dem römischen verfahren eben 13-3=1 und das ist doch wirklich total albern. Die Araber hatten einen Namen für das Nichts. Phantastisch! Sieht heute ein wenig nach Pippifax aus, aber es war die Sensation. Über Nacht wurde der römische alte Krempel, den man Mathematik nannte, über Bord geworfen, und die Mathematik der Araber, also die höchste Kunst überhaupt, ausgerechnet vom Feind, hielt Einzug ins Abendland. Mit dieser Null brachten uns die Araber nicht nur eine neuen Rechenkunst, sondern auch eine völlig neue Denkkunst. Im Gegensatz zum Abendland, hatten arabische Philosophen an den Regeln des Aristoteles weitergebastelt und viele schlaue Dinge entdeckt, die wir heute allesamt mal eben so ganz selbstverständlich nebenbei mit benutzen, wenn wir denken, genauer, wenn wir logische Regeln anwenden, um von einem Wahren zum anderen Wahren zu gelangen.

Dieses Nichts fehlte! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Araber brachten uns das Nichts und damit so viel mehr als das antike Rom und Griechenland zusammen zu bieten hatten, nämlich das gewisse Etwas. Allsätze können demnach nur dann sinnig sein, wenn es mindestens ein Ding gibt, dass der Gruppe angehört, über die man was sagen will. Sträflich verachtet hatte man die Allsätze, die über Nichtseiendes sprachen. Sie seien reiner Unsinn, aber man hätte sie in diese Logik einbeziehen müssen, um zu zeigen, dass sie Unsinn sind. Von nun gab es Gemeinnamen, nicht weil wir Dingen einen Namen geben, wie Aristoteles sagte, sondern weil wir einen Namen für Dinge haben, auch dann, wenn diese gar nicht existieren. Wir spielen eben gern mit neuen Worten. So sind die Menschen. Ein Wort für etwas zu haben, heißt eben nicht, dass es etwas gibt was auch so heißt.

 
Ein neues, altes Problem: Was ist und was ist nicht? 14

Alles Denken nützt ja nichts, wenn es an der Wirklichkeit voll krass vorbei ist. Man konnte mit der Kunst des Aristoteles sehr schön über Einhörner nachdenken, oder wie der Römer Cicero über die Farbe des Blutes der Götter, ohne dass es notwendig war, herauszufinden, ob es diese Dinge überhaupt gab. Nach dem oben beschriebenen Problem, dass Alles und Nichts für diese nichtexistierenden Dinge wahr und falsch zugleich ist, konnte ein heilloses Durcheinander im Wissen über die Welt entstehen. Man musste sich also sicher sein, worüber man eigentlich redet. Es gab keine klare Trennung von Schwachsinn und Weisheit, was irgendwie etwas doof war. Mit Teufelzungen reden, nannte so etwas damals mal die Inquisition. Denn, die Kirche ging davon aus, dass es sich bei der Aristotelischen Denkkunst um "Das reine Denken Gottes" handelte. Dieses Denken für Dinge zu verwenden, die Gott, der Allmächtige, selbst nicht geschaffen hatte, was Gotteslästerung vom Feinsten. Wer das besonders gut beherrschte sei der Teufel, genauer der Erzengel Luzifer. Genau daran könne man ihn erkennen. Es wäre also gar nicht einmal so einfach gewesen, an dieser Denkkunst einen fehler aufzudecken, ohne sich dabei mit der Kirche an zu legen.

Aristoteles machte es sich damals recht einfach. In seiner Metaphysik, also seinem kleinen Büchlein, das von den Dingen hinter den Dingen handelt, stellte er sogenannte Kategorien (Ordnungen) auf. Kennen wir aus der Biologie. Lebewesen sind Tiere, Pflanzen und Menschen. Tiere sind Fische, Reptilien, Amphibien, Säugetiere, Vögel, ... . Ja, aus der Biologie, kennen wir das alle, denn die Biologie wurde eben genau so aufgebaut, wie Aristoteles sagte, dass Wissenschaften aufzubauen seien. Die Biologie ist die Lehre des Lebens, genauer der Lebewesen, ihren Arten und Unterarten, usw. Die Astronomie ist die Lehre von den Sternen und den anderen Himmelskörpern, die Physik ist die Lehre von den Körpern und den Kräften, die die Zustände eines Körpers ändern und wieder zurückwandeln können. Alles verschiedene Ordnungen oder eben Kategorien.

Auch Aristoteles stellte solche Kategorien auf. Doch bis heute sind diese Kategorien von den Dingen in der Welt sowie jede anderen Kategorien von anderen Leuten nur Annahmen. Auch die von mir oder die von dir. Man sagt einfach, Leben ist das und das und das, also ist das alles auch Thema in der Biologie. Bis an dem Tag, an dem jemand sagt, ich habe etwas gefunden, was da nicht so recht reinpasst. Ich nenne sie die Viren, sie leben irgendwie oder auch nicht, aber sie sind anders, als das, was wir bisher Leben nennen. Und dann muss sich die Vorstellung von den Kategorien mit dem neuen Wissen über die Dinge ändern.

Die Ordnung der Welt ist also niemals starr. Oder sagen wir mal so, sie sollte es nicht sein. Sie muss sich mit jeder neuen Erkenntnis ändern.

Klingt logisch, ist aber gar nicht so einfach gewesen. Man denke da an Siegmund Freud, der versuchte auch den Zustand der Seele, oder wie er es nannte, Psyche (was das griechische Wort für Seele war), ebenfalls zum Thema der Medizin zu machen, denn auch sie ließe sich heilen. Die Menschen seien eben nicht unheilbar und für alle Zeit von irgendwelchen Geistern besessen. Die haben ihn einfach nur ausgelacht und rausgeschmissen, die Mediziner. Also gründete er dann später eine neue Wissenschaft, die Psychoanalyse. Es gab noch andere, etwa Nostradamos, der es verstand, eine bestimmte Form der Pest mit Rosenöl zu heilen. Und die Neuzeit ist voll von Physikern, die nahezu jeden Tag die Gesetze der Physik und die Beschaffenheit physikalischer Dinge auf den Kopf stellten.

Manchmal brauchen wir eben Phantasieworte, auch wenn das, was wir damit bezeichnen noch nicht so ganz erwiesen ist. Wir brauchen das, um überhaupt darüber leichter nachzudenken. Und manchmal entpuppen sich diese Worte als sinnlos, manchmal aber auch nicht. Wir werden uns nie sicher sein, ob das, worüber wir nachdenken, auch wirklich immer existiert. Genauso werden wir uns aber auch nie sicher sein, ob etwas nicht existiert. Wissen ist also ein gewisses Risikio.

 
Man nannte sie Spinner. 15

Und das genau ist die Aufgabe der Philosophie, will man es verstehen wie ein Handwerk.

Es ist die hohe Kunst des Spinnens. Man braucht dazu praktische und präzise Werkzeuge, um den Faden nicht zu zerreißen oder zu verlieren, und man muss schon wissen, was man da tut, wenn man am Ende nicht etwas völlig Unnützes oder auch nur leicht Zerreißbares zusammenspinnen will. Spinnen, das taten auch die Moiren, Hexen aus der griechischen Mythologie, die den Schicksalsfaden eines jeden einzelnen Menschen spannen und hin und wieder auch schon mal zerrissen haben.

Noch etwas sehen wir aus dem hier Gesagtem. Die Philosophie ist die Mutter aller Wissenschaften, so heißt es. Sie denkt nach über das, was Wissenschaft sein soll, und das was bis heute noch gar nicht Wissenschaft ist.

Die Philosophie ist eben nicht der Spaß am Nachdenken, sondern eine rein praktische Angelegenheit. Es geht darum, die Löcher in dem Wissen und in der Weisheit der Menschen zu schließen. Es geht nicht darum, Ersatz für Religionen zu schaffen, also eine neue Religion, die mit Glauben versucht, die Löcher der Weisheit zu stopfen.

Also, sprach Zarathustra (Ja, der alte Griesgram von Nietzsche darf hier nicht fehlen):

"Ich bin nicht gekommen, um euch etwas zu geben. Ich kam, um euch etwas zu nehmen."

Den Dieben gleich, nehmen die Philosophen den Menschen das selbstverständlich gewordene Bild von der Wahrheit. In der griechischen Mythologie hatten sie und die Diebe einen gemeinsamen Gott, Hermes, den Götterboten. Sie sind keine Mediziner, sie haben nie geschworen zu helfen. Sie sind Spielverderber, eher Störenfriede und so werden sie oft auch behandelt, egal wie sie heißen und wann sie lebten.

Wo alles friedlich das Gleiche denkt, ist kein Philosoph in der Mitte. Oder, um es mit den lustigen Worten Lichtenbergs zu sagen:

"Es ist nicht einfach, die Fackel der Aufklärung durch eine Menschenmenge zu tragen, ohne jemanden den Bart anzusengen."

Die Philosophen werden dir also nichts geben oder anders ausgedrückt: Ja richtig, die Philosophen werden dir garantiert auch nichts bringen. Das musst du alles selber machen. Du wirst daher auch niemals einen Lieblingsphilosophen haben, und wenn, dann ist das ein Zeichen, dass du ihn nicht verstanden hast.

 
Schluss 16

Okay, Philosophen sind irgendwie unbeliebt. Sie passen nicht so richtig in die Welt. Und philosophierende Menschen hält man für etwas abgedreht. Doch dies zu Unrecht, oder besser aus Selbstschutz. Natürlich werden alle Leute um einen herum alles tun, um dieses Denken einzudämmen. Denn das Ziel dieser suchenden Gedanken ist nichts anderes, hatte ich ja oben schon gesagt, als eine Neuordnung der Welt zu planen und ernsthaft vorzunehmen, damit dann auch ihre Welt. Und dann passiert es, sie werden einen nicht mehr verstehen.

"Warum nur musst du immer alles bezweifeln? Warum willst du die Welt verändern? Es ist doch alles in bester Ordnung, so wie es ist? Wir waren doch früher einmal so glücklich. (schluchs)". 

oder eben die harte Nummer:

"Wenn du hier mitspielen willst, musst du dich schon irgendwie unterordnen und die Regeln einhalten."

Aber, etwas ist neu dazugekommen in diese scheinbar heile Welt. Etwas, womit niemand gerechnet hat. Ein neues denkendes Wesen, also, du. Und das beginnt mit einem Satz, den du den Leuten an den Kopf wirfst, an dessen Anfang das Zauberwort steht:

"Ich ..."  (Ich war nichts, jetzt bin ich da!) "... bin keine Sache mehr, nichts was man irgendwie irgendwo hinschieben kann wie man lustig ist. Ich bin auch ein Mensch! Ich bin selbst meines Glückes Schmied."

Und auf einmal stehst du im Mittelpunkt der Welt. Du bestimmst jetzt, was für dich wichtig ist und was nicht, was du in deiner Nähe haben willst und was dir fern liegt. Du ordnest jetzt deine Welt, bis zum Ende deiner Tage. Du verlangst deine Freiheit. Aber beachte, deine Freiheit ist nur so groß, wie die Freiheit all derer, die um dich sind. Du bist ja kein Gott, sondern nur ein Mensch. Du bist kein besonderer Mensch, nur einzigartig, und genau darin allen Menschen gleich. Und wenn ihr euch um die Gesetze in der Welt streitet, müsst ihr euch irgendwie einigen können. Den anderen aus der Welt zu werfen oder gar selbst zu gehen, ist keine so schlaue Idee. Der Umgang miteinander schafft neue Regeln und Ideen, die man Moral nennt und wenn man das etwas größer denkt, so hat man schon die Ethik. Von ihr hängt es ab, wie viel Platz in deiner Welt für alle Menschen ist. Wenn der einzige Mensch in deiner Welt du bist, ist das ja ein bisschen wenig. So wirst du lernen, nicht das Gleiche an anderen Menschen nur zu schätzen, sondern wahre Meister erkennt man daran, wie sie mit der Verschiedenheit der Menschen zu leben verstehen. Jedenfalls kann die Welt nicht schwarz-weiß sein, sondern sie ist bunt.

"Wir sind so verschieden" ist kein Problem, sondern nur der Anfang. Das die Menschen nicht alle so sind wie du, das weißt du ja schon, denn du bist ja einzigartig.

Lustig, genauso fängt das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland an: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." und das ist bestimmt kein Zufall. So meint dieses Land, so nur, auf dieser Grundlage eben, kann man auch einen Staat bauen.

Ist das etwa der Grund, warum die Jugend so rebellisch ist?

Der französische Philosoph, Albert Camus, drückte es einmal so in etwa aus. Es geht nicht darum, eine Ordnung zu stürzen, weil man sich das Chaos erwünscht. Der Kampf gegen eine Ordnung erflogt nur, weil man meint, eine bessere Ordnung zu haben. Es ist keine Rebellion, in der man eine verloren gegangene Ordnung der Dinge wieder zurück erobern möchte. Der Mensch ist in der Revolte, er ordnet die Dinge neu. Nur das macht ihn zum handelnden Wesen und nicht zum Gegenstand einer fremden Ordnung anderer Menschen. Nun, die französischen Philosophen sind etwas fetziger, als die deutschen Philosophen. Aber okay.

Nicht Wissen ist es, was Philosophen ruhen lässt, sondern die Antworten auf das 

"Warum ist es so, wie du sagst? Warum ist es so, wie es angeblich ist? Warum soll man die Welt nicht ändern?". 

Er will die Welt nicht nur begreifen, sondern sie auch notfalls ändern. So hat jede Revolution in der Menschheitsgeschichte ihre Philosophen. Meist können diese aber nichts für die Revolution und manchmal passen die auch nicht so richtig zu der Revolution, die sie zu "Denkern" auf den Marmor-Sockel hebt.

Aber nicht nur Revolutionen haben ihre Philosophen. 

Das Problemchen mit der Ordnung der Dinge kannst du schon im nächstbesten Liebeskummer haben. Sei dann lieber froh, wenn es dich dann ereilt, besser als wenn es dich als alter Mensch erst erwischt. Denn dann ist dein Leben ja so gut wie vorbei. Das ist nämlich die philosophischste Zeit der Menschen. Zu keiner anderen Zeit wie in der Pupertät müssen Jugendliche soviel neu die Welt bedenken. Alles werden sie hinterfragen, alles werden sie neu erdenken, vieles davon genauso wie die Jugendlichen zu Zeiten der Pharonen im alten Ägypten und schon zu Zeiten deren Großeltern. Philosophieren ist somit ein Teil der Menschwerdung, damals, heute und auch morgen. Man kann alles neu machen, wenn man Spaß daran hat, oder man kann aus dem lernen, was sich andere schon zusammengesponnen haben. Entweder von seinen Freunden, seinen Eltern, anderen Leuten oder von den uralt verstaubten Philosophen. Das ist ja das Schöne. Philosophie ist das Gut der gesamten Menschheit, wie man in meinem kleinen Philosophie-Aufsatz ja auch sehen kann, egal von wem, von wann und von wo.

Es geht ja nicht um nur eine neue Ordnung der Dinge, sondern es geht darum, überhaupt irgendeine Ordnung zu haben, in der man leben kann. Und weil die Menschheit eben nichts, oder sagen wir mal nicht alles weiß, weil ihre neuen Annahmen von der Welt schon morgen verworfen werden können, nicht selten in der Menschheitsgeschichte sogar von ihren eigenen Kindern, wird irgendwer aus ihrem Kreis auch immer philosophieren.

Ob du, ich oder jemand ganz anderes.

Das ist Philosophie! Oder ist sie es doch nicht?

Und wenn du dich fragst: Wieso? Das kann doch gar nicht alles sein. Also, Philosophie ist doch ... Dann sage ich dir: Genau, du hast mich verstanden, dann bist du selbst mitten drin im Philosophieren.

"Ich denke, also bin ich." - René Descartes

Der deutsche Philosoph, Immanuel Kant, meinte, man kann Philosophie nicht lernen:

".. denn wo ist sie, wer hat sie im Besitze, und woran lässt sie sich erkennen?
 Man kann nur philosophieren lernen.

Am einfachsten kannst du das Philosophieren lernen, indem du über die Dinge und Leute nachdenkst, die dich umgeben. Kleiner Tipp, über manches, sicherlich nicht alles, hat eben auch schon mal wer anderes nachgedacht. Vielleicht sogar schon vor über 2000 Jahren.

Plato meint dazu noch "Wartest du auf eine Gelegenheit zum Philosophieren, so hast du sie schon verpasst." - Na ja. Kommt ja mal wieder eine ;o)

Und zum Schluss eben noch ein voll fetter Tipp von Johann Wolfgang Goethe: 

"Nichts ist gefährlicher für die neue Wahrheit als der alte Irrtum.

von einem unbekannten Autor stammte ein weiterer Lösungsansatz:

"Und wer des Lebens Unverstand mit Wehmut will genießen,
 der lehne sich an eine Wand und strample mit den Füßen
"

 

Hamburg, 14.10.2002 - Stefan R. Müller

Vita: Stefan R. Mueller studierte an der Universität von Hamburg Philosophie. Er wurde aber von Beruf Softwareentwickler, arbeitete beim Norddeutschen Rundfunk und bei verschiedenen großen Suchmaschinen. Zusammen mit Birgit Bachmann baute er die erste deutschsprachige Suchmaschine für Kinder, die Blinde Kuh. Eigentlich war es vorher eine Suchmaschine für Philosophie-Seiten. So war die Blinde Kuh als erstes dann im Philosophien Institut der Universität Wien im Februar 1997 gestartet. Unseren Dank heute noch einem echten Philosophen: Prof. Dr. Herbert Hrachovec. Die Kinder-Post, das Forum der Blinden Kuh startete Mitte 1996 am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg, auf dem Server Minerva der Gruppe PhilNet. 

 
 THE END
 

Weltbilder, Bilder über die Welt in den Kulturen
Ein spezieller Artikel im Rahmen der Weltall-Seiten bei der Blinden Kuh 

Noch ein paar schöne Links dazu:

Philosophie bei zzzebra
Zzzebra ist das Web-Magazin für Kinder von Micha Labbé. Eigentlich werden Unterichtsmaterialien für die Schulen dort erstellt. Micha Labbé und seine Mitstreiter dachten sich, sie haben soviel Sachen für Kinder, dafür sollen sie auch einen ganzen Haufen Webseiten bekommen und sich das auch kostenlos durchlesen können.

Die Philosophenschule von Athen
Ein berühmtes Bild von keinem Geringeren als Raffael. Hans Zimmermann erklärt, was es mit diesem Bild auf sich hat. Wer sind die ganzen Personen, die darauf abgebildet wurden? Was bedeutet das alles?

Sofies Welt
Webseiten zu einer CD-ROM von Navigo Multimedia. Das Buch selbst schrieb der norwegische Philosoph Jostein Gaarder. Die Webseiten sind dennoch brauchbar weil recht viel von der CD-ROM auch Online zu haben ist. 

Der Denker Immanuel Kant
Was Ist Was hat natürlich auch etwas zusammengeschrieben: "Was ist ein Philosoph?" und "Philosophie". Sowie 

Aristoteles
ebenfalls bei WAS IST WAS: "Der entscheidende Unterschied zwischen der Psyche des Menschen und der aller anderen lebenden Wesen besteht in der Fähigkeit des Menschen, vernünftig zu denken. Der Mensch ist das vernünftige Tier.
"

 

 

 
Blinde Kuh
Kinder-Post

Die Blinde Kuh - Erste deutschsprachige Suchmaschine speziell für Kinder
www.blinde-kuh.de © 1997-2003 Birgit Bachmann und Stefan R. Müller