Die Blinde Kuh - Suchmaschine für Kinder
Die Suchmaschine für Kinder - ©1997 Birgit Bachmann und Stefan R. Müller
2002 - Was sagen die Parteien zum Thema "Kinder und Internet"
Blinde Kuh
Interviews Parteien Grüne PDS FDP SPD CDU/CSU
 

Blinde Kuh - Interviews - FDP
2002- Bundestagswahl in Deutschland:
Was sagen die Parteien zum Internet der Kinder?
Die Interviews erfolgten um den 5. September 2002 herum über E-Mail

 

Für die FDP (Freie Demokratische Partei) antwortete
am 02.09.2002 Klaus Haupt.

Er ist Mitglied des deutschen Bundestages und der jugendpolitische Sprechers der FDP-Bundestagsfraktion.

 

Blinde Kuh: 1. Einschätzung der Zielgruppe "Kinder im Netz"
Wir schreiben das Jahr 2002, das sind 5 Jahre nach 1997, dem Jahr, in dem große Mengen an Kindern den Zugang zum Internet fanden. Seitdem steigt die Nachfrage nach Internet-Angeboten, aber auch die Erwartungen bezüglich der Qualität dieser Angebote. Wie schätzen Sie diese Erwartungen in den verschiedenen Altersgruppen ein? Wie viele Kinder, schätzen Sie, sind aktiv im Internet, das nicht nur in der Schule?

 

FDP: Die Größe der Zielgruppe "Kinder im Netz" ist schwer zu schätzen - aber sie wächst! Erstmals wächst eine Generation mit dem Internet als Alltagsmedium heran. Deshalb sind kindgerechte Angebote, Qualität, aber auch die Einhaltung von Jugendschutzbestimmungen von großer Bedeutung.

 

Blinde Kuh: 2. Fairer Wettbewerb? Öffentlich-Rechtliches Internet?
Im Internet gilt die freie Marktwirtschaft, die aber Regelungen beispielsweise in den Schulen und im Fernsehen unterliegt, aber im Internet nicht. Jeder kann alles versprechen und verkaufen auch den Kindern. Da es leichter ist, das Blaue vom Himmel zu versprechen als zu arbeiten und seine Versprechen zu halten, müssten dann "ehrenhaft" arbeitende Redaktionen, die meist auch eher ehrenamtlich Kinderseitenangebote gestalten, nicht auch mehr staatlich gefördert werden? Gerade im Fernsehbereich wurde diese Konsequenz gesehen. Würden Sie sich dafür einsetzen, z.B. für eine öffentlich-rechtliche Kinderseiten- Infrastruktur als alternative Positiv-Welt im Internet?

 

FDP: Staatlich geförderte Internetangebote für Kinder sind in vernünftigem Umfang zu begrüßen. Diese Angebote sollten aber auf keinen Fall ARD und ZDF übernehmen, sondern förderungswürdige Private. Die Öffentlich-Rechtlichen sind Rundfunkanstalten und keine Internetanbieter. Die FDP kann sich vielmehr ein Gütesiegel für besonders gute Angebote für Kinder vorstellen, an dem sich die Eltern orientieren können. Der Staat könnte bei der Vergabe des Gütesiegels eine Moderatorenrolle übernehmen.

 

Blinde Kuh: 3. Filtertechnologie, KidsPortale und Verbraucherschutz
Jugendschutz im Internet ist ja erst einmal nur ein Wort, das aber nicht nur die Schmuddelseiten und die extremistischen Inhalte meint, sondern auch schon beispielsweise in Chats stattfinden sollte. Nun hat sich erwiesen, dass niemand einen echten Filter bauen kann, der die Bösen Seiten abblockt und die Guten Seiten durchlässt. Dennoch ist es Firmen möglich, Eltern weiterhin irgend etwas zu verkaufen. Macht es da nicht Sinn, für Kidsportale und Kinderfilter eine Art TÜV im Sinne des Verbraucherschutzes ins Leben zu rufen? Natürlich nicht um zu regeln, aber vielleicht um auszuzeichnen.

 

FDP: Die FDP begrüßt den Einsatz von Filtertechnologie, solange er nutzerautonom erfolgt. Jeder Filter, der nicht selbst von den Nutzern installiert wird, käme einer staatlichen Kontrolle und Zensur des Internet gleich. Aber nach bestimmten Kriterien vergebene Gütesiegel können Eltern helfen, kindgerechte Angebote für ihre Kinder auszuwählen und problematische Fragen in ihrer Erziehungsarbeit anzusprechen.

 

Blinde Kuh: 4. Sicherheit bei Kinderhomepages
Internet ist nach wie vor unsicher. Wenn etwas fehlt, weichen die Kinder in die Erwachsenen-Welt aus. Ein großes Problem stellen dabei E-Mail-Adressen und Homepages dar. Da man Kindern kaum verbieten kann, in dieser Form am Internet aktiv teil- zunehmen, ist die Grundsicherung ihrer Homepages und Mails, die derzeit mit WerbeSexMails überflutet werden, eine der dringendsten Aufgaben. Würden Sie einen Jugend- und Kinderserver (Netz) einrichten, der allen Kindern eine sichere Internet-Heimat ermöglicht? Wenn ja, wie stellt man sich den dann vor?

 

FDP: Grundsätzlich sind Jugend- und Kinderserver eine gute Sache. Aber eine staatliche Aufgabe ist dies nicht. Gerade das Internet als "anarchisches" Medium ermöglicht private Initiative. Elternverbände und Kinderschutzvereinigungen sind viel "näher dran" an den Bedürfnissen, Interessen und auch Sorgen der Kinder als es eine staatliche Behördeninstitution könnte.

 

Blinde Kuh: 5. Medium Internet - Wie Kinder informieren?
Angebote für Kinder (bis 14 Jahren) werden meist von staatlicher Seite Agenturen in Obhut gegeben, die sich nicht gerade professionell anstellen. So erfahren die Kinder kaum, dass es diese Angebote überhaupt im Internet gibt. Müsste es nicht generell einen moderaten und redaktionell gut betreuten Server geben, der all diese Informations-Ereignisse auch der Zielgruppe Kind im Internet zukommen lassen kann, und der dann natürlich so gut ist, dass die Kinder in Scharen gern regelmäßig vorbeischauen? Wenn ja, wie stellen Sie sich ein solches Angebot vor?

 

FDP: In der Kinderkommission des Bundestages haben wir dazu schon einige Gespräche geführt. Allerdings ist die Frage, ob ein Informationsangebot von einer eigenen Verwaltungsabteilung oder einer externen Agentur gestaltet wird, eher eine pragmatische Frage - Fehler können sowohl private Agenturen als auch staatliche Stellen machen. Es gibt vom Bundestag einige Informationsangebote, etwa mitmischen.de, die sich aber eher an etwas ältere Jugendliche richten.

Ein generelles Informationsangebot für Kinder kann aber eben so wenig staatliche Aufgabe in einer freiheitlich-pluralistischen Demokratie sein wie die für Erwachsene.

 

Blinde Kuh: 6. Virtuelle Inseln und die Vernetzung
Sicherheit im Internet ist für Kinder nicht nur auf den Kinderseiten ein Thema, sondern vor allem zwischen den Seiten. Ohne eine große unabhängige Navigation verlieren sie sich in dem Wirrwarr der Angebote, von denen die meisten behaupten, sie seien das ganze Internet. Jemand muss die Strassen bauen, die all die Kinderseiten miteinander verbindet. Aber nicht nur die Kinder, auch Lehrer und Eltern steigen kaum durch. Irreführende Medienkompetenz-Initiativen von Verlagen und Einrichtungen vermehren zudem die Verwirrung. Wer macht das, bzw. wer soll das eigentlich machen, diese Navigation? Sollen Kinder weiterhin mit Suchmaschinen suchen, die für sie nun mal nicht gedacht sind? Sollen vernetzende Instanzen gefördert werden, die derzeit allesamt ehrenamtlich arbeiten?

 

FDP: Da die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen immer wichtiger wird, wird auch die Aufmerksamkeit der Medienanbieter zunehmen und sich dadurch das Angebot verbessern. Initiativen, die kindgerechte Internet-Navigation ermöglichen sind hilfreich und unterstützenswert. Da das Internet noch ein relativ junges Medium ist, wird ein kindgerecht gestaltetes Angebot im Netz nicht von heute auf morgen entstehen, sondern im Laufe der Zeit wachsen und die Koordination und Vernetzung kindgerechter Angebote sich verbessern.

 

Blinde Kuh: 7. Etwas tun oder kein Grund zur Besorgnis
Die letzte Frage, unsere Fragen sind sicherlich dramatisch formuliert, was wiederum die Frage aufwirft, halten Sie die Entwicklung oder Nicht-Entwicklung im Netz der Kinder für dramatisch? Sehen Sie einen Handlungsbedarf? Wenn ja, welchen? Oder wie schätzen Sie den Stand der Dinge im Umgang mit den Neuen Medien bei den Kindern ein?

 

FDP: Weder noch. Es gibt sehr problematische Aspekte des Internets für Kinder und Jugendliche, und zwar sowohl unter Jugendschutzgesichtspunkten als auch im Hinblick auf die Kinderfreundlichkeit des Internetangebotes. Allerdings sind die Möglichkeiten staatlichen Handelns sehr begrenzt, wenn man staatliche Zensur und Willkür ablehnt. Verstärkte Medienpädagogik - d.h. Einübung des richtigen Umgangs mit der komplexen Medienwelt, Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit, kritisches Hinterfragen - für Kinder, Jugendliche, aber auch für Lehrkräfte und Eltern ist ein bedeutendes staatliches Handlungsfeld. Ganz wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern helfen, sich zurechtzufinden, das Internet-Erlebnis zu verarbeiten, im Internet zurechtzukommen und auch ihre Sprösslinge vor jugendgefährdenden Internetinhalten zu schützen. Dieses neue Medium ist zugleich eine große Herausforderung an die Erziehungsarbeit der Eltern, so wie dies auch beim etwas älteren Medium "Fernsehen" der Fall ist. Die neuen Medien dürfen kein Mittel sein, Kinder beschäftigt zu halten und ruhig zu stellen, sondern erfordern im Gegenteil zusätzliche Zuwendung elterlicher Aufmerksamkeit. Der Staat kann nur die gröbsten Jugendgefahren gesetzlich regeln, und auch dies kann aufgrund der rasanten technischen Entwicklung kein absoluter Schutz sein. Mehr denn je sind Eltern und Familie gefordert.

 

Blinde Kuh: 8. Ihr Zusatz
Wenn Ihnen irgend etwas an unseren Fragen nicht gefallen hat, oder Sie meinen, dem sei noch ein wichtiger Punkt hinzu zu fügen, dann soll dafür hier Platz sein:

 

FDP: Der staatliche Schutzauftrag zum Jugendschutz darf nicht in eine staatliche Bevormundung der Eltern münden. Zum einen, was deren eigenen Konsum angeht. Und zum anderen darf das Erziehungsprivileg der Eltern nicht in Frage gestellt werden. Eltern sollten vom Grundsatz her entscheiden dürfen, was ihren Kindern zugänglich ist. Immer wieder ist zu beobachten, dass es eine Vermengung zwischen jugendgefährdenden Inhalten und Straftatbeständen gibt. Grundsätzlich gilt: Die Ahndung von Straftaten muss dort stattfinden, wo sie passieren. Und das ist nicht das Internet. Dort werden sie nur abgebildet. Eine Sperrung der Webseiten ist kein geeignetes Mittel, um Straftaten zu verhindern. Webseiten tauchen unter anderem Namen wieder auf, da genug Wege gibt, Sperrungen zu umgehen. Daher ist es besser den Nazi an seinem Wohnort strafrechtlich verfolgen.

 

Wir danken Ihnen, Herr Haupt, auch der FDP, für das interessante und durchaus denkanregende Interview.

Interessant ist die Betonung, dass es sich beim Internet zum einen um ein sehr junges Medium handelt (und Sie sagten auch am Anfang in anderen Worten, wurden schon viele unserer jungen Besucher in einer Zeit geboren, in der das Internet schon da war). Zum anderen geht es dabei in der Organisation eher "anarchisch" zu, also eher eben auch von der Initiative der Anbieter und (Mit-)macher lebt. Man kann herauslesen, dass es nicht sonderlich viel Sinn macht, hier irgendwas zu regeln, was sich so gar nicht regeln lässt, also eher behutsam seitens des Staates an die Sachen herangehen sollte. Wir lesen auch heraus, dass man nichts aufsetzen sollte, sondern das ausbauen und unterstützen, was sich da schon aufgebaut hat, zumal man eh nichts von heute auf morgen basteln kann, weil das Ganze lange Zeit braucht, um vor sich hinzuwachsen, z.B. in der Wechselbeziehung mit den jungen Benutzern, die man sich ja erst einmal verdienen muss. Und, wenn ein "Kinderkanal" für das Internet, dann aber nicht vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern ein neuer speziell für das Internet. Das scheint auch uns vernünftig. Alte Strukturen auf Neue Medien bringen es ja nun auch nicht unbedingt und eigentlich hatte die ARD ja auch Zeit genug, ihre eigenen Kinderseiten auf Vordermann zu bringen. dennoch fiel uns auf, dass sich Kinder gerade für das interessieren, was nicht auf den Kinderseiten ist, etwa Sport, Tierfilme, oder gar ein hochinteressanter Beitrag beim Norddeutschen Rundfunk über Neandertaler, oder von der BBC über Dinosaurier "Im Reich der Giganten". Man müsste dann auch so langsam weg vom sturen Kindchenschema, und Sachen in dieses Netz der Kinder stecken, mit denen sie vor ihren Eltern und Lehrern schön angeben können. Wir denken, wenn Kindern mit ihren Eltern über das Internet reden sollen, dann brauchen sie auch ordentlich Stoff, mit denen sie ihre Eltern vor Neid erblassen lassen können. So ist das ganze keine Kontrolle mehr, sondern eine reine Informationsveranstaltung von Kind zu Erwachsenen. Könnte sogar denen vielleicht richtig Spaß machen. Zudem macht Wissen wieder Sinn, man kann sich damit messen lassen, und ganz nebenbei gibt es dann Wissen und somit ja auch Werte, das scheint uns sinniger, als sich über Markennamen, Handys oder andere Dinge oder gar Gewalt zu messen. Das setzt allerdings voraus, dass die Kinder an die Sachen kommen, die sie dafür brauchen und nicht mit Brot und Spielen irgendwo in irgendwelchen Klickkarussells gefangen gehalten werden.

Dazu:

Artikel 17 der UN Kinderrechtskonvention

Die Vertragsstaaten erkennen die wichtige Rolle der Massenmedien an und stellen sicher, dass das Kind Zugang hat zu Informationen und Material aus einer Vielfalt nationaler und internationaler Quellen, insbesondere derjenigen, welche die Förderung seines sozialen, seelischen und sittlichen Wohlergehens sowie seiner körperlichen und geistigen Gesundheit zum Ziel haben

Siehe auch: Wenn sich Kinder eine eigene Meinung bilden

Auch der FDP war die Möglichkeit eingeräumt, uns zu sagen, auf welche ihrer Seiten wir interessierte Kinder so um die 12 Jahre an dieser Stelle schicken sollen. Hat sie ganz vergessen. Hm. Dann machen wir das noch mal extra:

Die FDP findet man logischerweise unter www.fdp.de

 
   
 
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