|
Hamburg, 6.12.2002
Ein Internet-Weihnachtsmärchen
Alles wird wieder gut
Förderung der Blinden
Kuh durch das Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)
Seit 1996 tuckert die
Blinde Kuh mit eigentlich Nichts in den Händen durch das Internet und
wurde europaweit zu einer der größten Anlaufstellen und
Navigationshilfen für die Kinder im Internet.
Das hatte ein kleines
Problem erzeugt. Jedes Kind ist ja lieb und nett, gar keine Frage und
die Blinde Kuh freut sich, wenn sie jedes dieser Kinder ein klein wenig
weiterhelfen konnte in seinem Internet-Alltag. Doch jedes Kind erhält
eine Webseite auf Anfrage durch den Mäuseklick oder die Eingabe eines
Suchwortes in der Suchmaschine. Jede dieser Webseiten muss über das
Netz von Computer zu Computer transportiert werden, irgendwie und
irgendwo auf der Datenautobahn. Dieser Transfer kostet Geld. Bei einer
normalen Homepage holt man sich dann bei einem Provider ein
Service-Paket und darin sind auch die Kosten des sogenannten Traffics
enthalten. Aber, das Problem ist, was ist eigentlich, wenn eine
Homepage erfolgreich ist, also zig Tausend Besuchern pro Tag Webseiten
ausliefern soll? Dann kostet ein solches Paket schon schnell recht viel
Geld, im Falle der Blinden Kuh waren das im Jahr 2002 monatlich um die
3000 Euros. (Die Zugriffe allein im Monat November lagen bei über 4
Millionen, damit kam die Blinde Kuh an ein monatliches Transfervolumen
von nahezu 200 GigaByte).
Es gab nur eine
Möglichkeit. Werbung als Gegenfinanzierung, was irgendwie nicht Sinn
der Sache sein kann, da die Werbung, die sich anbot alles andere als
für Kinder sinnvoll erschien, oder Sponsoring durch größere oder
gern auch kleinere Unternehmen. Das klappte ja auch meist. Zu nennen
sind da zum Beispiel die damalige große Suchmaschine Infoseek in Hamburg. Als sie Ende 2001
aufgelöst wurde, nicht weil sie insolvent war, sie hatte ja schwarze
Zahlen, hatte sie der Blinden Kuh als Ausgleich einen ganzen Server
geschenkt, und was für einen. Aber, ein Server allein, ist ja kein
Internet. Ein Netz musste her. Der Hamburger Netzanbieter Ision hörte von der Problematik der
kleinen Blinden Kuh und sagte: "Ja wenn wir eines haben, dann sind es
Netze." Ohne irgendetwas zu verlangen, übernahm die Ision alle Traffic-
und Housing-Kosten (Housing bedeutet, dass der Server dort stehen kann
und regelmäßig auch nach dem rechten geschaut wird). Und ganz ehrlich,
der Server der Blinden Kuh (kuh-dorf) fühlte sich da auch ganz wohl, sind doch
dort auch die Server größerer Unternehmen untergebracht, die natürlich
eine supergute Netzanbindung brauchen, sonst schimpfen deren Kunden.
Doch, auch der Ision ging es mit der Online-Krise eigentlich nicht so
gut. Sie hatte nie über die Blinde Kuh geklagt, sondern sich immer lieb um
sie
gekümmert, aber gegen Ende 2002 lief nun mal das Sponsoring so langsam aus.
Für die Blinde Kuh
kam nun der Zeitpunkt der Entscheidung, weiterhin ehrenamtlich und mit
solchen Schwierigkeiten wie die Grundversorgung des Betriebes zu
arbeiten, während nicht wenige millionenschwere KidsPortale völlig
ignorant zu Wasser gelassen wurden und auch elendig absoffen, oder mal
laut zu fragen, ja Leute, wollt ihr nun eine Blinde Kuh, oder wollt ihr
sie nicht. Wenn ja, dann lasst uns mal zusammen etwas einfallen, wie wir die
eigentlich bezahlen wollen. So versuchten viele Leute auf politischen
aber auch auf unternehmerischen Ebenen, irgendwelche Lösungen aus den
Ärmeln zu zaubern. Doch, es sah eher böse aus. Viele wollten, kaum einer
konnte wirklich helfen. Immerhin haben wir ja auch eine kleine
Wirtschaftskrise. Und die deadline rückte erbarmungslos näher.
In letzter Sekunde kam
dann ein Zeichen aus dem Bundesministerium für Frauen, Senioren,
Familie und Jugend. Zum erstenmal eigentlich in der Geschichte der
deutschsprachigen Kinderseitenlandschaft "griff" der Staat, wenn man so
will, ein. Die Blinde Kuh sollte gerettet werden, bildet sie doch einen
der großen Standpfeiler des Jugendschutzes im deutschsprachigen
Internet. Darauf machte unter anderem Jugendschutz.net schon
seit Jahren aufmerksam, gerade im Hinblick darauf, dass sogenannte
Filtersoftware nun mal weniger halten, als deren Manager versprechen
und wenn, dann auch allein niemals ein attraktives Internet für Kinder
bieten können. Die Hauptenergie im deutschsprachigen Internet
im Bereich Kinderseiten geht nun mal eher von privat engagierten Leuten aus,
die man auf keinen fall im Stich lassen sollte. Die trügerisch
kunterbunten blinkenden Seiten einiger Anbieter aus dem
Industrie-Bereich täuschen ein Wohlstand im Internet der Kinder vor,
der so gar nicht wirklich existiert. So wurde die Blinde Kuh
bereits vor Jahren schon mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als
erstes Internet-Projekt überhaupt mit dem Deutschen Kinderkulturpreis.
Aber, die Blinde Kuh hatte eigentlich schon sämtliche Empfehlungen und
Auszeichnungen, dennoch schwebte sie permanent in der Gefahr, unter der
Last ihres eigenen Erfolges zusammenzubrechen, während bei teuren Webprojekten
eher das Problem bestand, dass dort die Kinder wegliefen oder diese
Seiten nie erreichten. Die Situation war
paradox. In den Aufklärungskampagnen "Internet und Kinder"
wurden Eltern, Lehrer und Erzieher immer wieder die Blinde Kuh als die
Startadresse schlechthin empfohlen. Immer mehr Grundschulen wählten
die Blinde Kuh für den aktiven Unterricht. Doch kaum einer ahnte, dass
es sich hier eben nicht um einen großen Fernsehsender oder um ein
staatliches Projekt handelte.
Die Lage hatte sich
zugespitzt. Auf der einen Seite wurde dazu angeraten, Eigeninitiative
zu zeigen, auf der anderen Seite aber schien sich Arbeit für die
Kinder im Netz nicht zu lohnen. Eher im Gegenteil. Für viele
ehrenamtliche Betreiber von Kinderseiten machte das wenig Hoffnung, was
kein gutes Zeichen sein kann, ist doch das Internet gerade auf deren
Engagement und Liebe zum Detail für die Kinder im Netz angewiesen.
Es wurde von der EU bereits, aber auch von Bund und Ländern
in Deutschland sowie eigentlich auch in der Schweiz und in Österreich
immer wieder gefordert, Initiativen zu bewegen, das Angebot für Kinder
attraktiv zu gestalten und zu mehren um so einen Ausgleich zu der Welt
der Erwachsenen zu erzeugen, damit die Kinder sich ihre Sachen eben
nicht von Seiten holen, die einfach für sie nicht gedacht und auch
nicht geeignet sind. Gleichzeitig drohte eins der Schlachtschiffe der
deutschsprachigen Kinderseitenlandschaft zu kentern.
Fast 6 Jahre lang
zeigte die Blinde Kuh, dass sie durchaus hätte kommerziell werden
können, aber darauf komplett verzichtet. Sie wollte nur ein Modell
sein und auch bleiben, andere sollten es besser machen als sie und dann
würde sie auch ihre Segel streichen und die Gewässer verlass en. So
etwas macht man einfach auch nicht als eine Hand voll privat engagierter
Leute, so etwas macht man eher professionell. Mit der Abgabe ihres
Knowhows an die damalige Suchmaschine Infoseek, sowie vorher schon an
anderen großen Suchmaschinen, zeigte die Blinde Kuh, dass sie durchaus
auch bereit ist, mit großen und kleinen Unternehmen zu kooperieren,
aber nur unter der Bedingung, dass die Kinder nicht mit Tricks der
Unterhaltungsindustrie wie leider auf anderen Seiten und im Fernsehen
getäuscht werden. In diesem Sinne entstand nach dem Vorbild der
Blinden Kuh die Suchmaschine milkmoon.de (Noch immer lebt hier eine
fruchtbare Zusammenarbeit zwischen beiden Teams). Anfang 2002 versuchte
eine Hand voll Leute, Milkmoon zu retten. Aber es schien aussichtslos.
Mittelständische Unternehmen begrüßten die Initiative ebenso wie
privat betriebene Angebote. Milkmoon, das nicht mehr die Erblasten
beinhaltete, hätte die Blinde Kuh professionell ablösen können.
Doch, jetzt war
Online-Krise. Innovative Unternehmen mussten ebenso ihre Flagge
streichen wie all die Online-Betrüger, die emens viel Geld
versenkten und in vielen Ländern eher die Wirtschaft ruinierten. Jetzt
waren nicht mehr nur Blinde Kühe kaum noch zu retten, jetzt war kaum
noch irgendetwas zu retten. Arbeitsplätze gingen verloren, ja sogar der
Optimismus für die Zukunft ging verloren. Ein denkbar ungünstiger
Ausgangspunkt, wird doch auch in Guten Zeiten nicht gerade viel für
Kinder investiert.
Vor diesem Hintergrund
muss das Ganze gesehen werden. Natürlich hätte man aus der Industrie zu und zu
gern der Blinden Kuh geholfen, gerade bei der Sympathie, die sie
vielerorts geniest, aber man musste auch die Arbeitsplätze der eigenen
Leute retten. Redaktionen wie Was-Ist-Was, GEOlino, Terzio oder Redaktionen aus dem
öffentlich-rechtlichen Bereich hielten zur Blinden Kuh, konnten aber
auch nichts tun, außer ihr all das zu geben was sie haben und was sie
ihr geben konnten. Auch sind Leute zu nennen, die in Einrichtungen wie Schulen-Ans-Netz / Lehrer-Online, in der FWU, oder an vielen
anderen Stellen sich bemühten.
Dann, Anfang Dezember
2002, wurde der Antrag auf Zuwendung für die durch den Betrieb
entstehenden Traffic-Kosten vom Bundesministerium bewilligt.
Damit ist der ganze Druck aus den Kesseln. Und nicht nur der Bund,
auch die Länder überlegten, wie sie der Blinden Kuh helfen können,
wie sie wenigstens den Betrieb sichern könnten.
Natürlich sind die
Mittel zweckgebunden. Den Löwenanteil, nämlich die Personalkosten,
berechnet wurden für den Durchschnitt 2002 ca. 160 Wochenstunden echte
geleistete Arbeit der Mitglieder des Teams Blinde Kuh, diesen Anteil
trägt die Blinde Kuh selbst. Die Ision übernimmt aus Sympathie zur
Blinden Kuh und als Zeichen aus der Online-Industrie weiterhin die Housing-Kosten.
Der Großteil der
Mitarbeiter bei der Blinden Kuh ist berufstätig, einige sind
allerdings weiterhin
arbeitslos.
Die Förderung gibt
natürlich nicht nur Auftrieb, sondern bietet der Blinden Kuh auch eine
neue Rolle, die über die derzeitigen Bemühungen der Vernetzung der
Kinderseitenlandschaft hinaus gehen. Schon seit geraumer zeit
kooperierte die Blinde Kuh mit Einrichtungen wie Jugendschutz.net, um
als echte Content-Anbieter im Kids-Bereich Kriterien für einen
sinnvollen Jugendschutz im Internet einzubringen, ohne dass dabei eben
die Kinder immer gleich weggesperrt oder in irgendwelchen separaten
Ecken ruhig gestellt werden müssen. Natürlich sollen Kinder und
junge Jugendliche auch ein großes Internet haben, dies ergibt sich
zwangsläufig aus der UN-Kinderrechtskonvention, nach der Kinder das
Recht auf Informationen haben. Und natürlich sollen sie auch mit dem
Internet was sie dann erobern ordentlich vor ihren Eltern und Lehrern
angeben können. Natürlich sollen sie auch weiterhin mit allen
Kinderseitenanbietern herummeckern können. Sie sollen vor allem selbst
am Internet mit wirken, an ihrem Internet. Solange, bis sie damit
endlich zufrieden sind, was sicherlich nie der Fall sein wird. Internet
ist im Werden und kein Zustand. Internet wird niemals fertig sein und
wenn, dann wird es zurecht so langweilig, dass man es eh abschalten
kann.
Diese Aufgabe können
Blinde Kühe natürlich nicht allein machen, das wäre ja Pippifax.
Darum schließt sich die Blinde Kuh mit allen zusammen, die wie sie
für ein großes und wirklich Klasse Internet arbeiten wollen, und in
diesem Sinne die Vernetzung vorantreiben, damit die Kinder eben nicht
zwischen den Seiten verloren gehen. Und, damit die Kinder wieder von
den Seiten zurückkommen, die nur für Erwachsene sind, müssen wir sie
eben überzeugen. Denn eines muss man immer sehen, Kinder sind
freiwillig im Internet und besuchen freiwillig diese Angebote. Dies ist
eher eine Form der klassischen Jugendarbeit, weniger eine Form der
klassischen Schule. Besonders cool ist eben, dass wir sie nicht nur mit
immer besseren Spielen überzeugen können, die dennoch nicht fehlen
dürfen. Und genau das zeigen die stetig wachsenden Zugriffe auf die
Blinde Kuh.
(siehe: seitenstark.de - Arbeitsgemeinschaft
vernetzter Kinderseiten)
Wir setzen dem sogar
noch einen drauf, und behaupten, dass dies nicht nur blanker Idealismus
ist, sondern zeigen, dass dies rein wirtschaftlich gesehen, gar keine
so doofe Idee ist. Immer mehr Unternehmen können wir damit
überzeugen. Damit die Unternehmen in Ruhe ihre Häuser bauen können,
muss nämlich irgendwer die Straßen bauen. Nur so können wir zusammen
verhindern, dass Insellösungen den Jugendschutz destabilisieren und
enorme Ressourcen wegfressen, wenn jeder das Ganze Internet noch mal
baut.
Es gibt nämlich nur
ein einziges Internet. Ehrlich, ist nicht gelogen ;o)
Die Blinden Kühe
|