Eine Bowlinggeschichte
Wo nahm alles seinen Anfang? Natürlich in Pinning, der Hauptstadt des Kegelns. "Gut Holz!" bedeutete dort etwa dasselbe wie bei uns "Guten Tag!". Von nah und fern kamen Profi-und Nachwuchskegler, nur um einmal in diesem Mekka gespielt zu haben. Natürlich konnten in Pinning Kegelbahnen nicht fehlen: Man sah dort so viele dieser Stätten wie Fish'n'Chips-Stände in Großbritannien. Und in einer dieser Kegelbahnen lebten Parattus, Maratte und ihre sieben frechen Rattenkinder. Maratte pflegte sogar ein wenig mit ihrem Wohnort anzugeben: Schließlich wohnten sie sogar in einer von Pinnings berühmtesten und wichtigsten Bahnen, die zusammen im Pinninger Volksmund "Alle Neune" hießen. Zum Leidwesen der Rattenfamilie war das auch an den Touristen bemerkbar, die jeden Tag zahlreicher wurden. Nicht einmal den sonst so gefräßigen Rattenkindern schmeckten die krümligen Brocken des Fertigessens, das einige der Touristen wie Puderzucker über Kuchen über ihre Bahn und unter die Tische verstreuten. Am schlimmsten war es jedoch, wenn die Touristen nicht nur eine Führung mitmachten, sondern wenn sie selber kegelten.
Die Ratten lebten nämlich direkt unter der Bahn. Jedes Mal, wenn einer der Fremden die Kugel hinknallte, dröhnte Parattus' Schädel. Und den anderen ging es nicht besser. Anfangs hofften sie, dass die Touristen es irgendwann lernen würden. Dies passierte zwar tatsächlich bei einigen, doch Tag für Tag kamen weitere Anfänger dazu. So konnte es nicht weitergehen! Also trafen sich Maratte, Parattus und die Kinder zu einem Familienrat. Parattus begann: "Mir reicht's, Kinder! Diese Touristen waren mir von Anfang an nicht koscher. Wenn sie doch wenigstens anständig kegeln würden!". Die anderen piepsten zustimmend. Dann übernahm Missourie, eine der Töchter das Wort: "Pa hat recht. Könnt ihr euch noch daran erinnern, als nur die Pinninger Kegler hier waren? Die geschobenen Kugeln klangen wie Musik!", schwärmte sie, "Aber jetzt. Wir müssen die Touristen vertreiben." "Aber nur die Touristen!", meinte Maratte. Sie strich sich mit den Pfoten durch ihre Barthaare, ein Zeichen, dass sie nachdachte. Dann schienen ihre Knopfaugen plötzlich, als wären sie aus Perlmutt gemacht, so sehr leuchteten sie. "Wir können sie vertreiben.", lächelte sie. "Und wie?" "Sag schon, Mara." "Bitte, Mama!" "Wir wollen auch helfen." "Na dann", lachte Maratte, die sich über den Aufruhr köstlich amüsierte, "kommt! Wir müssen uns an den Rändern der Bahn versammeln." Sofort waren alle auf den Pfoten und wetzten ihr hinterher.
Sie kamen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein nicht mehr ganz frischer, amerikanisch aussehender Tourist eine Kugel auf die Bahn bretterte. Dies geschah mit so viel Schwung, als wäre sie ein Geschoss der schweren Artillerie. Schon vom bloßen Hinsehen mussten alle zusammenzucken. Natürlich hatte der Schwung nicht die gewünschte Wirkung: Die Kugel rollte in eine der Fahrrinnen am Rande der Bahn. Das war es, worauf Maratte gewartet hatte. Sie fing sie geschickt auf und drehte sie auf ihrer Nasenspitze. Dann begann sie mit ihren langen, kampferprobten Zähnen drei Löcher in die Kugel zu nagen. Sobald dies getan war, genügte ein kleiner Stupser, um die Kugel zurück in die Auffanganlage rollen zu lassen. Grinsend verfolgte die Familie das Gesicht des Touristen, der empört die Kugel zurückgab, seinen winzigen Rucksack huckepack nahm und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Nun fingen alle an, Marattes Trick begeistert nachzuahmen. Binnen weniger Tage sahen nun alle Kugeln, die den Touristen zugeteilt waren, so aus. In der Bahn der Ratten wurde es merklich ruhiger. Und gleichzeitig wurde ein Wort für die Rinnen am Rand der Kegelbahn geändert: Sprach man nun von ihnen, so hörte man oft: "Die Fremden treffen die Ratte ziemlich oft, was?". Denn die Pinninger waren nicht auf den Kopf gefallen und sorgten nun dafür, dass es der Familie unter Bahn Neun besser ging als vorher. Was aus den Kugeln wurde? Kaum drei Monate später fand in der "Bahn der Ratten", wie man sie jetzt nannte, das erste Bowlingspiel statt.