Fast wäre der Adler zum Wolf geworden
Es war einmal eine Rabenmutter, die hatte sieben kleine Rabenjunge. Die Mutter ließ ihre kleinen Raben nicht gerne allein in der Baumhöhle. Aber sie musste ja auch mal etwas zu fressen besorgen, für ihre Jungen und sich selbst. Zur Zeit aber war ein Adler in der Nähe, der auf junge Vögel aus war.
Als die Rabenmutter fort musste, sagte sie zu ihren Jungen:
"Ihr dürft nur aufmachen, wenn ich es bin."
Einer der Jungen fragte: "Aber woher sollen wir wissen, dass du es bist?"
Die Mutter überlegte ein Weilchen und antwortete dann auf die Frage ihres Jungen: "Ihr werdet mich an meinen schwarzen Flügeln und am schwarzen Schnabel erkennen. Passt gut auf euch auf und streitet euch nicht. Ich muss jetzt los."
Als die Mutter sich von den Jungen verabschiedet hatte, öffnete sie die Tür und schloss sie von außen wieder.
Das alles hatte der Adler von einem naheliegenden Baum aus beobachtet und jetzt dachte er sich: "Diesen Festtagsbraten kann ich mir nicht entgehen lassen." Dann machte er sich auf den Weg zur Baumhöhle der Raben. Als er vor der Tür stand, klopfte er an diese, verstellte seine Stimme (er war ein guter Stimmenimitator) und krächzte:
"Kinder ihr könnt aufmachen, ich bin es, eure Mutter."
Die sieben kleinen Raben sahen aber das weiße Gefieder des Adlers und riefen aufgeregt: "Du bist nicht unsere Mutter, du bist nicht unsere Mutter, verschwinde, verschwinde!" Der Adler blieb noch einige Zeit da und versuchte die Tür aufzukriegen. Die sieben Raben aber bekamen eine Heidenangst und versteckten sich im Nistmaterial und in anderen Ecken.
Als der Adler merkte, dass alles nichts half, flog er seiner Wege.
Eine kurze Zeit später kam die Mutter nach Hause, klopfte und die sieben kleinen Raben öffneten ihr aufgeregt die Tür und fingen an alle durcheinander zu erzählen. Die Mutter verstand kein einziges Wort. Sie ging in die Wohnung, verschloss die Tür und sagte zu den Raben: "Jetzt erzählt nur einer, sonst verstehe ich kein Wort."
Einer der sieben Raben erzählte nun der Mutter, was vorgefallen war. Die Mutter war darüber sehr entsetzt und sagte, als sie sich wieder beruhigt hatte: "Das ist ja die Höhe; dieser dreckige Adler will euch fressen? Wenn ich den erwische!" Die Rabenmutter war so verärgert, dass sie zum Fürchten aussah: "Na ja, die nächste Woche muss ich nicht raus zum Futter holen, wir haben ja genug. Aber bis dahin muss ich mir etwas einfallen lassen. Jetzt kommt aber, es gibt Abendessen und dann Marsch ins Bett."
Die sieben kleinen Raben stürmen zu Tisch und fraßen wie Scheunendrescher. Danach gingen sie ausnahmsweise auch ohne zu Murren ins Bett. Als sie im Bett lagen, kam die Mutter und kontrollierte, ob sie sich alle den Schnabel geputzt und die Krallen gewaschen hatten. Anschließend holte sie das dicke Märchenbuch aus dem Schrank, setzte sich an den Rand eines Bettes und begann vorzulesen:
"Es war einmal..... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." Sie klappte leise das Buch zu (denn die kleinen Raben schliefen fest) und stellte es in den Schrank zurück. Danach gab sie jedem noch einen Gute-Nacht-Kuss und legte sich auch schlafen.
In den nächsten Tagen fing es zu schneien an. Die kleinen Raben saßen in der warmen Wohnung, drückten den Kopf gegen die Scheiben, denn sie hatten noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen. Ihnen gefiel der Schnee so gut, dass sie zu ihm hinaus wollten. Doch die Mutter sagte: "Ihr seid noch zu klein, aber nächstes Jahr da könnt ihr hinaus, da könnt ihr ja schon fliegen."
Langsam wurde das Futter immer knapper und knapper. Eines Tages sagte die Mutter dann: "Meine lieben Kinder, ich muss leider wieder Futter holen. Mir ist aber etwas eingefallen: ich sage euch ein Wort und wenn ich wieder da bin, sage ich euch dieses Wort als Erkennungszeichen." Die sieben Raben riefen wie aus einem Mund: "Wie heißt denn das Wort, Mama?" - "Es heißt Schneeflocken." Die sieben Raben riefen wieder: "Ist das das weiße Zeug, das vom Himmel rieselt?" - "Ja, genau das ist es. Aber jetzt muss ich fort. Passt gut auf euch auf und vergesst ja das Wort nicht."
Mit diesen Worten flog sie aus der Baumhöhle und schlug den Weg zum Krämerladen "Hamster" ein. Das sah der Adler und dachte: "Diesmal werde ich sie aber kriegen, denn ich weiß jetzt, wie ich rabenschwarz werde." Dann flog er vom Baum und machte sich auf zum Kohlebergwerk. Die Maulwürfe, die als Arbeiter angestellt waren, hatten gerade Mittagspause und sie spielten zur Abwechslung Blindekuh. Das war dem Adler nur recht. Er flog zum nächsten Kohlehaufen und wälzte sich so darin, dass der ganz schwarz wurde.
Er war zufrieden mit seiner Farbe und flog wieder zur Baumhöhle der Rabenfamilie. Hier legte er seine kohlschwarzen Flügel auf das Fenster und sagte: "Kinder macht auf, ich habe etwas für euch." Die kleinen Raben aber erinnerten sich daran, dass ihre Mutter ihnen ein Kennwort gesagt hatte. Deshalb erwiderten sie dem Adler: "Du bist nicht unsere Mutter, denn Du weißt das Passwort nicht!" Das ärgerte den Adler und er probierte alle möglichen Wörter aus von A bis Z. Doch keines war das richtige.
Als ihm keine weiteren Wörter mehr einfielen, sagte er zu den sieben kleinen Raben hinter der Tür: "Ach lasst mich doch hinein. Ich bin es ja, eure liebe Mutter, doch ich habe leider das Kennwort vergessen." In diesem Augenblick kam ein starker Wind auf und Schnee wehte dem Adler in die Augen und er rief: "Ach diese Schneeflocken!" Das hörten die kleinen Raben und riefen dem Adler durch die Tür zu: "Du hattest recht, du bist doch unsere Mutter. Warte, wir machen ihr auf!" Die Raben nahmen den Riegel weg und öffneten die Tür
Da war der Adler schon so richtig begeistert, aber er hatte sich zu früh gefreut -, denn als er in die Baumhöhle hinein wollte, blieb er in der Öffnung stecken. Die kleinen Raben merkten jetzt auch, dass es nicht ihre Mutter war, sondern der gefürchtete Adler. Sie fingen an laut zu krächzen und liefen schnell in den hintersten Teil der Höhle, versteckten sich gut und warteten auf die Mutter. Derweil steckte der Adler in der Baumhöhle fest, konnte nicht hinein und nicht mehr hinaus. In dieser Position war er zwei Stunden lang eingeklemmt. Während dieser Zeit war ihm der Appetit auf Raben vergangen. Er wollte nur noch hier weg. Es schneite und schneite, sein Hinterteil war schon fast eingefroren und das Schwarze war weggewaschen.
Doch dann kam endlich die Rabenmutter zurück. Als sie nun jedoch den Adler sah, wäre sie fast vor Schreck abgestürzt. Sie packte den Adler bei seinen Krallen und zog so fest daran, dass dieser laut aufjaulte. Die Rabenmutter ließ dann doch wieder von ihm ab, denn so bekam sie den Adler nicht aus dem Eingang zur Baumhöhle heraus. Sie setzte sich auf einen naheliegenden Ast und überlegte. Nach einer Weile kam ihr die Idee; doch dazu musste sie dem Adler trauen. Sie flog wieder zur Höhle hin und fragte den Eindringling: "He, du Miststück von Adler, wenn du mir versprichst, dass du meinen kleinen Raben nichts tun wirst, hole ich dich hier heraus. Falls nicht, musst du bis an dein Lebensende hier stecken bleiben." Dem Adler war jetzt aber auch alles egal, er wollte nur noch weg und jammerte: "Ich verspreche dir alles, wenn du mich nur befreist! Gut, ich werde deine Jungen in Ruhe lassen. Aber jetzt hole mich hier raus!" Das war für die Mutter der sieben kleinen Raben O.K. und sie machte sich ans Werk. Sie rupfte dem Adler etliche Federn aus, sodass er allmählich schlanker wurde - dem gefiel diese Methode zwar nicht, denn sie war sehr schmerzhaft - aber er dachte sich: "Wenigstens bin ich dann frei!". drein. Vorne war er schwarz gefiedert, hinten völlig nackt.
Nun trieb die Rabenmutter ihn fort und jagte dem Adler noch eine ganze Strecke lang nach. Schließlich kam der Adler wieder aus dem Eingang zur Höhle heraus und sah sehr kläglich aus und seitdem wurde er in diesem Revier nie mehr gesehen. Die Rabenmutter aber kehrte bald zu ihren sieben Jungen zurück und die empfing sie freudig.
Und - wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.