| Es war einmal eine kleine Zwiebel, welche mit ihren Eltern die Zwiebelkiste im Keller einer reichen Arztfamilie bewohnte. Natürlich als Untermieter, denn umgänglich wie
Zwiebeln sind, bringen sie gern in Cliquen Menschen zum Weinen.
Als überaus interessiertes Zwiebelkind galt es für Charlotte, regelmäßig die Kellerräume zu
durchforschen. Wenn Mama und Papa sich besonders hübsch herausgepellt hatten, um sich beispielsweise bei einer Lagerapfel-Partie im Weinkeller zu amüsieren,
kullerte "Lotte", wie Papa sie manchmal auch nannte, zum Vorratskeller. Natürlich erst nachdem die Eltern gegangen waren. Papa sah es nämlich nicht so gern wenn sie
überall ihren Duft verströmte und machte sich immer große Sorgen. Es könnte ja mal vorkommen, dass jemand aus der herrschaftlichen Familie des Abends noch
Bratkartoffeln mit Zwiebeln essen wollte und versehentlich dabei nach Charlotte griff.
Wie Kinder nun mal sind, wissbegierig und voller Abenteuerlust, kullerte sich die Kleine leise durch sämtliche Kellerräume und machte vor dem Vorratskeller halt. Sooo
viele schöne bunte Einmachgläser hatte sie noch nie gesehen, was da wohl drin war? Lotte versuchte, am Sauerkrautfass hochzuklettern und wäre um Himmelswillen.......
beinahe fast hingefallen. Also, den säuerlichen Geruch mochte sie nun gar nicht, aber irgendwie kam er ihr bekannt vor.
Ja, da fiel es ihr wieder ein. Ihr Onkel, eigentlich
eine Salatzwiebel, musste gleich nach Weihnachten wegen eines Sauerkohleintopfs aus der Pelle und in den Topf. Charlotte schüttelte sich bei dem Gedanken, dann war
ihr ein siedendheißes Ölbad schon lieber, für eine leckere Soße oder als Beilage.
Als Lotte neugierig die Blicke übers vollgepackte Regal schweifen lies, traute sie den
Augen kaum. Viele kleine ihrer Artgenossen hockten dicht aneinandergepresst in
einem von vielen Gläsern fest unter Verschluss. Eine Kakerlake welche vorwitzig aus
einem Reissack schaute meinte, dass sie noch nicht so lange in Gefangenschaft wären, und unreif für ein Festmahl sind.
Nun aber mal langsam, was heißt hier überhaupt
"Gefangenschaft" und "Festmahl", wollte Charlotte wissen. Die
vollgefressene Kakerlake zeigte nur wenig Verständnis für derart komische Fragen und unterstellte der
Kleinen Schalenfreude, außerdem nur Stunk verbreiten zu wollen.
Beleidigt zog die Kakerlake ab, auf
der Ameisenstraße Richtung Kartoffelkeller. Hoffentlich fällt ihr eine dicke
Pellkartoffel auf die Rübe, dachte das Zwiebelkind und schickte noch eine Extra- Dunstwolke hinterher.
Asseln sind ja da ganz anders. Freundlich bot "Selma", die fetteste aber auch netteste ihrer Rasse, Hilfe an. Anschauungsunterricht war schon immer ihre Stärke und der
hübschesten aller kleinen Zwiebeln, die sie je gesehen hatte, eine Unterrichtsstunde wert. Liebenswürdig führte Sie Charlotte durch das Labyrinth von Einweckgläsern, wobei
sie gefällige Erklärungen zum Besten gab. Von Rote Beete über Erbsen mit Möhren, Stangenbohnen und Saure Gurken wusste sie zu berichten und natürlich wie sie
dort hineingekommen waren.
Selma kannte sogar jeden einzelnen Lebenslauf, vom Keimling bis zur Vollendung. So einer schlauen Assel war Lotte noch nie über die Füße
gelaufen. Als Selma begann, übereifrig von Silberzwiebeln in süß-saurer Lake vorzubabbeln, war Charlottes Begeisterung über ihr Wissen wie verduftet. Speiübel wurde es
ihr bei dem Gedanken, eingequetscht unter ihren Leidensgenossen zu versauern.
In Windeseile machte sie sich aus dem Kellerstaub, rollte in einem Zug an sämtlichen
Kellertüren vorbei, um direkt vor ihrer gewohnten Umgebung unter Vollbremsung zu stoppen. Mit gleichem Schwung hüpfte sie in die Kiste, kuschelte sich fest an die
Schale ihrer Cousine und träumte davon, als Steckzwiebel wieder in das Gartenbeet zu dürfen. |