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Jeder hat seine
Geheimnisse. So wie Lara. Jeden morgen steht sie auf. Geht zur
Schule, macht danach ihre Hausaufgaben und hat natürlich auch
ihre Hobbys. Sie sagt immer, sie würde in eine Spielgruppe
gehen. Dort würde man verschiedene Spiele spielen und jede Menge
Spaß haben. Doch in Wirklichkeit kommt sie zu mir, jeden
Sonntag.
Ich habe kein Haus, kein Telefon oder anderes. Denn ich wohne
dort, wo nur Lara mich besuchen kann. Jeden Sonntag fährt sie zu
einem See, der tief im Wald liegt und den niemand kennt. Dort
setzt sie sich an einen Stein, der mitten im See ist, und den
man nur mit Hilfe meiner Kraft erreichen kann. Dann kommt sie zu
mir. So wie heute.
Jeden Sonntag hole ich sie ab, sie kommt von der anderen Seite
der Brücke, die über dem großen Fluss führt. Sie trägt dann ein
seidenweißes, luftiges Kleid, das um ihre Beine fliegt. Ihr
langes blondes Haar spielt zusammen mit dem säuselnden Wind und
ihre Augen strahlen, wenn sie mich sieht.
Doch hier trägt sie den Namen Syrellia.
Immer wünsche ich mir, dass sie da ist. Doch nie so sehr wie
jetzt. Ich sitze an einen Baumstamm gefesselt da. Die Fesseln
sind so fest, dass sie mir das Blut abschnüren. Wie lange ich
schon so da sitze weiß ich nicht. Wer mich gefesselt weiß ich
auch nicht. Und dass einzige was ich sehe, sind zwei Schatten
vor mir.
Plötzlich sehe ich einen Funken, dann noch einen. Langsam
entfacht ein Lagerfeuer. Dabei fällt mir ein, dass heute Sonntag
ist. Vielleicht ist Syrellia ja neben mir! Ich versuche mich
umzusehen, doch mein Kopf ließ sich nicht bewegen.
„Deine Freundin ist nicht bei dir“, sagt eine tiefe Stimme neben
mir. Ein Messer legte sich an meinen Hals.
„Was wollt ihr von mir?“, frage ich sie, und warte auf eine
Antwort.
„Was ist das Geheimnis dieser Welt?“, lautet seine Antwort. Aber
ich gebe keine Antwort. Das hätten sie wohl gerne, dass ich
ihnen das Geheimnis erzähle! Niemals! Ich weiß es auch nicht
ganz genau, nur Syrellia weiß es vollständig, doch ich bin die
einzige die einen Bruchteil kennt.
„Niemals!“, flüstere ich wütend. „Niemals erzähle ich euch das
Geheimnis!“
Plötzlich ist das Messer verschwunden. Nun sehe ich, wie die
Gestalt in dem Umhang einen Langbogen spannt und den Pfeil auf
mich richtet. „Wie du willst!“, sagt die tiefe Stimme, „Oder
willst du es dir anders überlegen?“ Kurz erhasche ich einen
Blick auf kristallklare, blaue funkelnde Augen.
Energisch schüttele ich den Kopf. „Niemals!“, wiederhole ich
fauchend, „Niemals! Und ich werde es mir nie anders überlegen!“
Die Umhanggestalt lässt den Pfeil los. Fasst spüre ich den
stechenden Schmerz in der Brust, doch dann spüre ich etwas an
meinem Arm. Vorsichtig bewege ich den Kopf nach rechts und sehe
den Pfeil einen Millimeter neben mir. Und vor mir kniet Syrellia.
„Es tut mir leid, aber ich musste wissen, ob du mir vertraust“,
sagt sie beschämend und senkt den Blick. Neben ihr steht mein
Bruder, in seiner Hand ist ein Dolch, mit dem er meine Fesseln
löst.
„Warum?“, frage ich und reibe meine Handgelenke. „Du weißt doch,
dass du mir vertrauen kannst!“
„Bald weiß ich es nicht mehr“
„Wieso?“, erschrocken blicke ich sie an.
„Das war dein letztes Abenteuer“, erklärt sie, „Zusammen mit
mir. Vielleicht sehen wir uns bald wieder, vielleicht auch
nicht. Vielleicht betrete ich eine neue Welt ohne dich und alle
andere. Vielleicht bekommst du Besuch von anderen, die ich sein
werden, doch du wirst merken, das ich es nicht bin“
„Du verlässt mich?“, flüstere ich ungläubig, „Aber wir sind
Freundinnen seid Jahren…“
„Wie können wir richtige Freundinnen sein, wenn ich dir das
wichtigste verschweige?“, fragt Syrellia, „Hör zu, du bitte
auch“, sagt sie zu meinem Bruder.
Wir sitzen neben ihr und hören ihr zu.
„Das ist eine Welt, die nur in meinem Kopf herrscht“, beginnt
Syrellia, „Ihr alle, die Bachfeen, die Waldelfen, die Drachen in
den fernen Bergen, existieren nur in meinem Kopf, sonst
nirgends“
Es herrscht Stille. Ich will nicht glauben was sie sagt.
„Ich habe ein Buch geschrieben, in dem ihr vorkommt“, sagt sie,
und ihre Augen schwimmen in Tränen, „Alle. Nun bin ich fertig.
Deine letzte Aufgabe war das Vertrauen, das was gerade geschehen
ist. Und ich werde jetzt gehen. Ich werde vielleicht wieder
zurückkehren. Doch wenn nicht“, sie packt uns beide an den
Schultern, „Denk daran, ich bin immer bei euch“
Wir gehen gemeinsam zur großen Brücke, wo uns Syrellia ein
letztes Mal umarmt, bevor sie geht.
Ich fange an zu weinen, stumme Tränen. Das letzte, was ich von
ihr sehe, ist ihr blondes Haar, das zusammen mit dem säuselnden
Wind spielt. Und ich bin mir sicher, dass sie zurückkommt.
Dann verschwand Syrellia, und Lara kehrte in ihre Welt zurück.
Sie schlug das Buch zu, nachdem sie den letzten Satz geschrieben
hatte. „SYRELLIA“, sie fuhr mit dem Finger über den Titel ihres Buches, das sie
seit zwei Jahren schrieb. Und sie war sich sicher, dass auch
bald andere Syrellias letztes Abenteuer erlebten und auch in
Laras Welt für einige Zeit verschwinden werden. Dann steckte sie
es in ihren Rucksack, und zog ein neues leeres Buch heraus.
Vorsichtig schrieb sie den Titel mit Tinte auf den Einband: „SYRELLIA -
ein neues Abenteuer“
Hallo, mein Name ist Anja, bin elf, und habe für die Blinde-Kuh
schon „Avalon“ geschrieben. Hoffentlich gefällt euch „Vertrauen“.
Ich habe es an einen regengrauen Novemberabend geschrieben, wo
mir immer etwas einfällt. Ich liebe das Geschichten schreiben,
und schreibe schon an Etwas längeren. Wenn ich mehr über Syrellia wissen wollt, denkt auch ein neues Abenteuer aus, denn
wie Cornelia Funke in „Die Wilden Hühner“ sagte: „Abenteuer
warten um die Ecke, und- zack! - plötzlich sind sie da!“
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