Die Blinde Kuh - Suchmaschine für Kinder
Die Suchmaschine für Kinder - ©1997 Birgit Bachmann und Stefan R. Müller
Kinder im Internet schreiben Geschichten für andere Kinder
Blinde Kuh
Kinder-Post
Zurück zur Startseite vom  Kids-E-Zine
 

Vertrauen

Eine Geschichte von Anja (11)

Jeder hat seine Geheimnisse. So wie Lara. Jeden morgen steht sie auf. Geht zur Schule, macht danach ihre Hausaufgaben und hat natürlich auch ihre Hobbys. Sie sagt immer, sie würde in eine Spielgruppe gehen. Dort würde man verschiedene Spiele spielen und jede Menge Spaß haben. Doch in Wirklichkeit kommt sie zu mir, jeden Sonntag.
Ich habe kein Haus, kein Telefon oder anderes. Denn ich wohne dort, wo nur Lara mich besuchen kann. Jeden Sonntag fährt sie zu einem See, der tief im Wald liegt und den niemand kennt. Dort setzt sie sich an einen Stein, der mitten im See ist, und den man nur mit Hilfe meiner Kraft erreichen kann. Dann kommt sie zu mir. So wie heute.
Jeden Sonntag hole ich sie ab, sie kommt von der anderen Seite der Brücke, die über dem großen Fluss führt. Sie trägt dann ein seidenweißes, luftiges Kleid, das um ihre Beine fliegt. Ihr langes blondes Haar spielt zusammen mit dem säuselnden Wind und ihre Augen strahlen, wenn sie mich sieht.
Doch hier trägt sie den Namen Syrellia.
Immer wünsche ich mir, dass sie da ist. Doch nie so sehr wie jetzt. Ich sitze an einen Baumstamm gefesselt da. Die Fesseln sind so fest, dass sie mir das Blut abschnüren. Wie lange ich schon so da sitze weiß ich nicht. Wer mich gefesselt weiß ich auch nicht. Und dass einzige was ich sehe, sind zwei Schatten vor mir.
Plötzlich sehe ich einen Funken, dann noch einen. Langsam entfacht ein Lagerfeuer. Dabei fällt mir ein, dass heute Sonntag ist. Vielleicht ist Syrellia ja neben mir! Ich versuche mich umzusehen, doch mein Kopf ließ sich nicht bewegen.
„Deine Freundin ist nicht bei dir“, sagt eine tiefe Stimme neben mir. Ein Messer legte sich an meinen Hals.
„Was wollt ihr von mir?“, frage ich sie, und warte auf eine Antwort.
„Was ist das Geheimnis dieser Welt?“, lautet seine Antwort. Aber ich gebe keine Antwort. Das hätten sie wohl gerne, dass ich ihnen das Geheimnis erzähle! Niemals! Ich weiß es auch nicht ganz genau, nur Syrellia weiß es vollständig, doch ich bin die einzige die einen Bruchteil kennt.
„Niemals!“, flüstere ich wütend. „Niemals erzähle ich euch das Geheimnis!“
Plötzlich ist das Messer verschwunden. Nun sehe ich, wie die Gestalt in dem Umhang einen Langbogen spannt und den Pfeil auf mich richtet. „Wie du willst!“, sagt die tiefe Stimme, „Oder willst du es dir anders überlegen?“ Kurz erhasche ich einen Blick auf kristallklare, blaue funkelnde Augen.
Energisch schüttele ich den Kopf. „Niemals!“, wiederhole ich fauchend, „Niemals! Und ich werde es mir nie anders überlegen!“
Die Umhanggestalt lässt den Pfeil los. Fasst spüre ich den stechenden Schmerz in der Brust, doch dann spüre ich etwas an meinem Arm. Vorsichtig bewege ich den Kopf nach rechts und sehe den Pfeil einen Millimeter neben mir. Und vor mir kniet Syrellia.
„Es tut mir leid, aber ich musste wissen, ob du mir vertraust“, sagt sie beschämend und senkt den Blick. Neben ihr steht mein Bruder, in seiner Hand ist ein Dolch, mit dem er meine Fesseln löst.
„Warum?“, frage ich und reibe meine Handgelenke. „Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst!“
„Bald weiß ich es nicht mehr“
„Wieso?“, erschrocken blicke ich sie an.
„Das war dein letztes Abenteuer“, erklärt sie, „Zusammen mit mir. Vielleicht sehen wir uns bald wieder, vielleicht auch nicht. Vielleicht betrete ich eine neue Welt ohne dich und alle andere. Vielleicht bekommst du Besuch von anderen, die ich sein werden, doch du wirst merken, das ich es nicht bin“
„Du verlässt mich?“, flüstere ich ungläubig, „Aber wir sind Freundinnen seid Jahren…“
„Wie können wir richtige Freundinnen sein, wenn ich dir das wichtigste verschweige?“, fragt Syrellia, „Hör zu, du bitte auch“, sagt sie zu meinem Bruder.
Wir sitzen neben ihr und hören ihr zu.
„Das ist eine Welt, die nur in meinem Kopf herrscht“, beginnt Syrellia, „Ihr alle, die Bachfeen, die Waldelfen, die Drachen in den fernen Bergen, existieren nur in meinem Kopf, sonst nirgends“
Es herrscht Stille. Ich will nicht glauben was sie sagt.
„Ich habe ein Buch geschrieben, in dem ihr vorkommt“, sagt sie, und ihre Augen schwimmen in Tränen, „Alle. Nun bin ich fertig. Deine letzte Aufgabe war das Vertrauen, das was gerade geschehen ist. Und ich werde jetzt gehen. Ich werde vielleicht wieder zurückkehren. Doch wenn nicht“, sie packt uns beide an den Schultern, „Denk daran, ich bin immer bei euch“
Wir gehen gemeinsam zur großen Brücke, wo uns Syrellia ein letztes Mal umarmt, bevor sie geht.
Ich fange an zu weinen, stumme Tränen. Das letzte, was ich von ihr sehe, ist ihr blondes Haar, das zusammen mit dem säuselnden Wind spielt. Und ich bin mir sicher, dass sie zurückkommt.

Dann verschwand Syrellia, und Lara kehrte in ihre Welt zurück. Sie schlug das Buch zu, nachdem sie den letzten Satz geschrieben hatte. „SYRELLIA“, sie fuhr mit dem Finger über den Titel ihres Buches, das sie seit zwei Jahren schrieb. Und sie war sich sicher, dass auch bald andere Syrellias letztes Abenteuer erlebten und auch in Laras Welt für einige Zeit verschwinden werden. Dann steckte sie es in ihren Rucksack, und zog ein neues leeres Buch heraus. Vorsichtig schrieb sie den Titel mit Tinte auf den Einband: „SYRELLIA - ein neues Abenteuer“

Hallo, mein Name ist Anja, bin elf, und habe für die Blinde-Kuh schon „Avalon“ geschrieben. Hoffentlich gefällt euch „Vertrauen“. Ich habe es an einen regengrauen Novemberabend geschrieben, wo mir immer etwas einfällt. Ich liebe das Geschichten schreiben, und schreibe schon an Etwas längeren. Wenn ich mehr über Syrellia wissen wollt, denkt auch ein neues Abenteuer aus, denn wie Cornelia Funke in „Die Wilden Hühner“ sagte: „Abenteuer warten um die Ecke, und- zack! - plötzlich sind sie da!“

 
Blinde Kuh
Kinder-Post
Zurück zur Startseite vom  Kids-E-Zine
Die Urheberrechte liegen bei dem Autor dieser Geschichte
Die Blinde Kuh
- Erste deutschsprachige Suchmaschine speziell für Kinder
www.blinde-kuh.de © 1997-2007 Birgit Bachmann und Stefan R. Müller