| Wir Käfer haben es nicht leicht im Leben, wirklich nicht. Die ganze
Zeit müssen wir aufpassen, das wir nicht plattgetreten werden oder unter
irgendeiner Getränkedose zermalmt werden. Vor allem in der Stadt ist das Überleben
wirklich hart. Um von meinem bescheidenen Zuhause, einer Nische in einer
Hauswand, zum nächsten Mülleimer zu kommen, muss ich über eine Hauptverkehrsstraße! Aber zum Mülleimer muss ich, denn ich brauche schließlich auch etwas
zu essen! Für das Überqueren der Straße habe ich mir inzwischen auch eine
ganz brauchbare Taktik ausgedacht: Ich klammere mich ganz einfach an den
Schnürsenkel von irgendjemandem und der trägt mich ganz flott über die Straße.

Aber jetzt werdet ihr euch sicher fragen, was denn so ein kleiner Wicht von
Käfer in der großen Stadt macht?! Nun, das ist ganz einfach! Mein
Ururgroßvater, Mederich von Käferich, flüchtete damals mit Frau und Tochter vom Lande,
als die Bauern anfingen, Gift zu spritzen. Sie konnten dort einfach nicht mehr
leben. Und so siedelte sich meine Familie in dieser Mauernische an, die wir
inzwischen ausgebaut haben und wirklich sehr hübsch ist.

Freilich hat sich
die Lage in der Stadt bis heute etwas geändert. Früher mussten wir Käfer
'nur' auf eure Füße aufpassen, jetzt kommen auch noch Fahrräder, Rollschuhe und
Tretroller dazu! Es ist also eigentlich kein Wunder, dass ich mich eines
Tages entschloss, einmal dem Alltagsstress zu entfliehen und Ferien auf dem
Lande zu machen.

Ich hatte einen Vetter, der auf einem Biobauernhof hauste.
Und der lag gleich vor der Stadt. Also machte ich mich an einem schönen
Sonntagmorgen auf den Weg. Ich lief ein Stück und setzte mich dann auf den
Gepäckträger eines Fahrrades, das mich direkt hinaus aus der Stadt trug. Jetzt
fragt ihr euch wahrscheinlich gerade, warum ich denn nicht einfach fliege! Nun,
das ist eine traurige Geschichte und soll auch nicht jetzt erzählt werden,
aber eigentlich ist es ganz einfach! Ich kann gar nicht fliegen. Ein Kaugummi
hat mir die Flügel verklebt. Aber in der Stadt bringt es sowieso nicht
viel, zu fliegen.

Na ja, jedenfalls reiste ich dann noch ein wenig mit einem
Traktor und schließlich war ich da. Der Bauernhof bestand aus drei großen
Gebäuden und überall standen Bäume und Büsche. Ich war so fasziniert von dem
Anblick des vielen Grüns, das ich den Mann mit der Schubkarre gar nicht bemerkte
und nur knapp dem Tod entkam. Schnell trippelte ich zu einer alten
Steinmauer, wo ich mich sicher fühlte. Aber in diesem Moment kam ein riesiger,
zottiger Hund um die Ecke. Leider entdeckte er mich und er fand mich wohl
ziemlich interessant, jedenfalls schnüffelte er so sehr an mir herum, dass er mich
fast zerquetscht hätte und ich schließlich in eine nahe Nische flüchtete.

Und wen traf ich da? Meinen Vetter! Die Wiedersehensfreude war groß und nahm
uns erst einmal in Anspruch. Ich begrüßte auch seine Familie. Dann zeigte mir
mein Vetter den Bauernhof. Die Ferien verliefen leider aber etwas stressiger, als ich es mir
vorgestellt hatte. In den nächsten zwei Tagen wurde ich allein zehnmal fast von
einer Kuh zertrampelt. Außerdem überrollte mich zweimal fast der Traktor und
siebenmal fast die Schubkarre. Der Hund und die Katzen setzten mir genauso
schlimm zu wie der Staub auf dem Hof, der mir in Augen und Lunge kam. Auch das
Essen vertrug ich nicht. Ich vermisste meine fettigen Pommes aus dem
Mülleimer, und Eis schien es auch nicht zu geben.

Im ganzen war es also kein sehr
gelungener Urlaub. Und deshalb beschloss ich am dritten Tag, meinen Urlaub
hiermit zu beenden und wieder meine gemütliche Stadtwohnung aufzusuchen.
Mir war klar geworden, dass ich in die Stadt gehörte und nicht hier her auf
das Land, und Dank dieser Einsicht lebe ich heute zufrieden in meiner kleinen
Mauernische an der Straße.
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