Die Blinde Kuh - Suchmaschine für Kinder
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Freundschaft

Eine Geschichte von Helena (14)

Langsam versank die Sonne hinter den fernen Bergen und die Dunkelheit senkte sich leise über das Tal. Mit klammen Fingern griff die Kälte nach meinen Gliedern, doch ich saß unermüdlich vor meinem Haus und wartete. Endlich kam Damon. Endlich war er da. Leise schlich er den Weg zu meiner Hütte hinauf und lies sich, ebenso leise neben mir auf der Bank nieder. „Man kann nicht vorsichtig genug sein, um diese Zeit“, flüsterte ich ihm zu. „Du willst es wirklich wagen?“ er sah mich nur an. Lange. Ich sah ein Funkeln in seinen Augen und ich wusste. Auch ich konnte ihn nicht von seinem Plan abbringen. Niemand konnte das. Leise zog er den Dolch unter seinem Mantel hervor. Selbst im fahlen Mondlicht strahlte er einen kalten Glanz aus. So kalt, wie das, was man mit ihm vollbringen konnte.
Damon sah den Dolch an. Fast liebevoll hielt er ihn in der Hand und strich zärtlich mit dem kleinen Finger an der scharfen Kante entlang. Abermals leuchtete der Dolch auf, als sei er bereit. Bereit für das, was Damon mit ihm vorhatte.
„Morgen werden es alle hören! Der Tyrann ist tot! Wir werden endlich wieder frei leben können! Wieder sagen können, was wir wollen. Wir werden unsere Ernten für uns behalten können!“ Damon schwärmte von der Zukunft. Doch ich bremste ihn: „Wer soll das alles vollbringen? Selbst wenn du es schaffst, den Tyrann umzubringen, wer soll dann das Reich regieren? Die Bürger?“, ich lachte spöttisch. Damon funkelte mich an und erwiderte: „ Mach dir darum keine Gedanken. Im Morgengrauen, wenn die Sonne ihre ersten Grüße schickt, bin ich bei dir. Achte auf das Zeichen!“
Damit huschte er durch die Büsche und verschwand aus meinen Augen.

Die Sonne stand brennend heiß über mir, doch auch jetzt verließ ich meinen Platz vor dem Haus nicht. Wo war er? Warum brauchte er so lange?
Ich wusste die Antwort bereits: Er war geschnappt worden. Ich hatte es von Anfang an gewusst. Die Idee war wahnsinnig! Wie konnte er nur daran denken, den Tyrannen töten zu können.
In diese traurigen Gedanken versunken, hatte ich die Welt um mich herum vollkommen vergessen.
Plötzlich stand Damon vor mir. Seine Augen waren müde und erschöpft, doch auch ein Schimmer Trotz war darin zu erkennen. Ich sprang auf und umarmte ihn. Lange standen wir so vor meinem Haus. Schließlich flüsterte Damon: „Du hattest Recht, es war wahnsinnig! Wie konnte ich dich nur zurücklassen?“ „Was haben Sie mit dir gemacht?“ „Ich soll morgen vor dem König erscheinen, der wird mir mein rechtes Urteil sprechen!“ Er spuckte diese Worte aus wie Feuer, und in seinen Augen loderte nun brennender Hass.

Am nächsten Morgen kam er wieder. Er sah noch erschöpfter aus als am Tag zuvor. „Ich soll am dritten Tage nach dem vollen Monde hingerichtet werden, am Baume vor dem Dorf. Doch ich habe mit dem König vereinbart. Ich muss zur Schwester, sie muss einen Gatten bekommen, bevor ich sterbe, sonst werde ich mir immer darüber Gedanken machen, was aus ihr geworden ist! Ich will sie in sicheren Händen wissen, wenn ich von dannen gehe!“
Ich sah ihn fassungslos an. Doch ich kannte ihn. Er liebte seine Schwester über alles, hatte er Mutter und Vater doch schon früh verloren. Er fuhr fort: „Ich sagte dem König, dass ich die Schwester vereinen müsste, er wollte nicht einwilligen, da bot ich ihm dich als Opfer an. Drei Tage Frist gebot er mir, will ich in dieser Zeit nicht zurück sein, so wirst du am Galgen hängen.“ Er sah mich an. In seinen Augen sah ich Scham und Mitleid. Wortlos schloss ich ihn in die Arme. „Geh“, sagte ich, „beeile dich, und sage der Schwester einen Gruß von mir!“

Da leuchteten seine Augen und er lief schnell wie der Wind zu meiner Pforte. Ich blieb allein auf der Bank sitzen. Kaum war Damon verschwunden, wurde ich von Zweifeln geplagt. Hatte ich das Richtige getan?
Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich durfte nicht an Damon zweifeln. Er war mein Freund, ich würde alles für ihn geben, und wenn es mein Leben war. Auch er würde für mich durchs Feuer gehen, dass wusste ich. Von diesem Gedanken beruhigt, schlief ich auf der Bank ein.

Am nächsten Morgen weckten mich zwei Soldaten, die in voller Rüstung vor mir standen. „Mitkommen!“ rief einer grob, da hatte mich der zweite schon am Ärmel gepackt und schleifte mich davon.
Ich wehrte mich nicht. Damon, dachte ich, du schaffst das, ich weiß es! Viel Glück! Dann wurden mir die Augen verbunden, und ich wurde durch viele Straßen der Stadt, halb gezogen halb getragen zu unserem König befördert.

„Aha! Da haben wir ihn ja!“, rief er aus und in seinen Augen leuchtete der Hohn. „ Ich werde dir etwas sagen: Dein „Freund“ wird nicht zurückkehren, das weiß ich! Er hat dich im Stich gelassen!“ Ich wollte den Mund aufmachen, wollte ihm entgegen schreien, wie sehr ich Damon liebte, und dass er mich nie, niemals im Stich lassen würde, doch einer der Soldaten, die mich immer noch festhielten, gab mir eine Ohrfeige, so dass ich auf den Boden fiel und nun vor dem Tyrannen kniete. Schnell wollte ich mich aufrichten, denn ich wollte mich nicht dazu zwingen lassen, vor dem Tyrannen zu knien und ihn zu huldigen.
„Nun“, sagte dieser, „Dein Freund hat drei Tage Zeit, zu dir zurückzukehren, wenn er nicht am dritten Tage vor mir steht, so wirst du für alle Zeiten vor den Toren der Stadt hängen!“ Er lachte schauderlich und grausam, und die Angst kroch mir in die Glieder. Doch noch wollte ich nicht aufgeben, ich bäumte mich auf und schrie: „ Damon wird kommen, dass weiß ich ganz genau!“ Er lächelte nur spöttisch und gab seinen Soldaten einen Wink mit seinem Finger, die mich daraufhin abermals packten und mir die Augen verbanden. Sie schleppten mich durch viele Gänge und ich merkte, dass es stets abwärts ging.
Ich wusste, dass es nur einen Ort gab, der so tief lag: Das Verlies. Unwillkürlich überlief mich ein Schauer. Das Verlies war gefürchtet bei allen Bewohnern dieser Stadt, wahrscheinlich sogar gefürchtet im ganzen Reich.
Ich wurde weiter geschleift, dann traf der Kopf an die Seitenwände und die Sinne schwanden mir.

Als ich wieder zu Sinnen kam, war mir die Binde abgenommen worden. Doch das half mir wenig, denn in dem Raum, in dem ich mich befand, gab es kein Licht, ja nicht einmal ein kleiner Sonnenstrahl erleuchtete diesen dunklen, fensterlosen Raum. Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte.
Waren die drei Tage schon um? Wo war Damon? Würde er rechtzeitig zurückkehren?
Ich bekam Kopfschmerzen, so sehr beschäftigten mich diese Fragen. Ich versuchte mich auf dem harten Boden hinzulegen und ein wenig zu schlafen, um die quälenden Gedanken an Damon, meinen Freund, zu vergessen. Ich sank tatsächlich für kurze Zeit in den Schlaf. Doch er war ruhelos, denn auch im Traum dachte ich pausenlos an Damon.
Würde unsere Freundschaft hier enden?
Wenn ich sterben würde, was sollte Damon ohne mich tun. Ich war für ihn, wie seine Familie, ebenso er für mich. Wir kannten uns sehr lange. Ich dachte an die vielen Jahre, die wir miteinander verbracht hatten. Nie war ein streitendes Wort zwischen uns gefallen, immer hatten wir zusammengehalten.
Die Tränen stiegen mir in die Augen, als ich an jene Momente dachte, in denen wir am Fluss gesessen hatten. Damons Mutter war gestorben. Ich schwor ihm ewige Freundschaft. Dies mag vor zehn Jahren gewesen sein, doch immer noch schienen mir die Stunden, als sei es erst gestern passiert. Andere Erlebnisse mit Damon zogen vor meinem innerem Auge vorbei, und endlich schlief ich ein.

Ich wurde wach, weil ein kleines Etwas direkt über mein Gesicht huschte. Eine Ratte. Ich erhob mich und tastete mich zur Tür meines Gefängnisses. Dort schlug ich mehrere Male gegen, bis ich endlich eine recht mürrische und sehr müde Stimme hörte: „ Ich muss schlafen, also lass mich in Ruhe!“
„Warte!“ reif ich schnell „ Sag mir nur, welche Tageszeit wir haben und wann die Hinrichtung sein soll“
„ Es ist mitten in der Nacht, die Sonne schickt ihren ersten Gruß erst in ein paar Stunden, doch das wirst du nicht erleben!“ Ein schauriges Lachen erschallte in den Gängen des Verlieses. „Heute Abend, wird es endlich so weit sein! Heute Abend wirst du am Baume vor den Stadttoren hängen!" Ich wollte etwas erwidern, wollte sagen, dass es stimmte, dass Damon rechtzeitig da sein würde, doch all dies blieb mir im Halse stecken.
Wenn es stimmte?
Wenn Damon wirklich nicht rechtzeitig kommen würde? Verzweifelt setzte ich mich in eine Ecke und starrte vor mich hin.
Nein, dachte ich, du darfst nicht an Damon zweifeln! Er ist dein Freund!
Wie oft hat er dir beigestanden, und hat er dich auch nur einmal im Stich gelassen?
Doch gleichzeitig flüsterte eine leise, gemeine Stimme in meinem Kopf:
Er hat dich nie im Stich gelassen, aber heute wird er es tun. Er hat einen knappen Tag Zeit, gewiss schafft er es nicht mehr!

Den ganzen Tag saß ich von diesen Zweifeln geplagt in der Ecke, aß nichts, trank nichts und starrte immer fort vor mich hin. Damon, flehte ich in Gedanken! Komm! Lass mich nicht allein!
Ich wusste nicht wie lange ich so da gesessen hatte, als sich meine Tür öffnete. Hoffnungsvoll sah ich auf.
Vielleicht war er es, dachte ich. Er ist gekommen! Er ist da! Er hat dich nicht im Stich gelassen!
Doch in der Tür stand nicht mein Freund sondern ein dicker Wächter, der mich hämisch angrinste.
„Es ist so weit! Nun wirst du baumeln! Nun, dein treuer Freund hat es wohl doch nicht geschafft, was?!“
Ich erwiderte nichts. Ich war zu erschöpft, auch nur ein Wort zu sagen. Es war vorbei. Er würde nicht mehr kommen, dass wusste ich.

Grob wurde ich am Hals gepackt und von dannen geschleift. Als ich durch die Stadt gezogen wurde, ging die Sonne hinter den Bergen unter und tauchte die ganze Welt in ein blutrotes Licht. In Gedanken war ich bei Damon. Ich nahm nicht wahr, wie ich durch die Straßen gezogen wurde, die angefüllt war, voller gaffender Menschen. Ich hörte nicht das Geflüster, dass mich auf meinem ganzen Weg begleitete. Ich bemerkte nicht, wie ich zum Kreuz getragen wurde und mir der Strick um den Hals gelegt wurde.
In Gedanken war ich bei meinem treuen Freund. Ich durchlebte noch einmal alle Stunden, Minuten, die ich mit ihm verbracht hatte.
Ich hatte schon Abschied genommen, von meinem treuen Freund, als ich plötzlich eine Stimme hörte:
„Nehmt mich! Ich habe für ihn gebürgt! Lasst ihn frei!“
Ich hob langsam den Kopf, ich glaubte schon tot zu sein, und Damons Stimme mir nur einzubilden! Doch es war wahr! Da war er! Mit seinen kräftigen Armen zerteilte er die gaffende Menge, die sich um ihn drängte, und flog auf mich zu. Als er vor mir stand, liefen ihm und mir die Tränen von den Wangen. Er zerriss das Seil, mit dem ich schon am Kreuze hing und dann fielen wir uns in die Arme. Die Tränen liefen auf seine Schultern, ich konnte nichts sagen, und in meinem Kopf schwebte immer nur derselbe Gedanke:
Damon, mein Freund war gekommen! Er war da! Endlich!
Da erklang eine laute Stimme:
„Zum König! Er will dieses Wunder selbst bestaunen!“

Wir sahen uns an. Gemeinsam gingen wir durch die Straßen, gemeinsam liefen wir den Gang zum Palast hinauf, gemeinsam standen wir endlich vor dem König.

Der sah uns sprachlos entgegen. Schließlich stammelte er diese paar Worte:
„Unmöglich! Das kann nicht sein!"
„Oh doch, mein König“ erwiderte mein tapferer Damon „ Das, ist wahre Freundschaft!“
Da liefen auch dem König die Tränen über die Wangen.
„Bitte, gewährt mir diesen einen Wunsch:
ich war nie glücklich im Leben, nie wurde ich gut behandelt! Bitte, lasst mich zu euch gehören und lasst mich mit euch gehen!“
Damon und ich lächelten. Freundschaft.
Sie konnte alles überwinden.
Selbst das harte Herz eines Tyrannen!

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